Teilhabe ohne Inklusion … ein Gebäude ohne Türen?!

Die Möglichkeit zur Teilhabe ist entscheidend dafür, wie menschenwürdig, wie gerecht und somit: wie friedlich und wie nachhaltig eine Wirtschaft und eine Gesellschaft ist. Das betrifft zunächst einmal die existenziellen Lebensgrundlagen, also Trinken und Essen, Gesundheit, Wohnen und körperliche sowie geistig-seelische Unversehrtheit. Das betrifft aber ebenso die Teilhabe an Bildung, Kultur, Arbeit sowie Wachstum und Wohlstand.

Und eine solche Teilhabe muss, damit sie gerecht ist, für alle offen stehen, und zwar unabhängig von Alter, von Geschlecht oder sexueller Orientierung, von Glauben und Religion, von Nationalität oder ethnischen Herkunft und schließlich auch unabhängig von körperlichen oder geistigen Befähigungen. Dies ist der Grundgedanke, wenn wir von Diversität sprechen. Und dies ist zugleich der Kern einer im besten Sinne demokratischen und humanen Ausrichtung des politischen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Lebens.

Wie aber lässt dieser Anspruch sich praktisch umsetzen? Mit dieser Frage sind Gewerkschaften konfrontiert, wenn es um die Mitgestaltung von Arbeit und um betriebliche Mitbestimmung geht. Und tatsächlich stellt das Ziel einer gleichberechtigten Teilhabe in der betrieblichen Umsetzung überaus hohe Anforderungen. Schließlich müssen hier die individuellen Voraussetzungen und Fähigkeiten des jeweiligen Menschen zu den Anforderungen passen, die ein konkreter Arbeitsplatz stellt. 

Eine ganz entscheidende Rolle spielen hierbei Betriebsräte und vor allem Schwerbehindertenvertretungen (SBV). Sie sind es, die in Unternehmen darauf drängen, dass Arbeitsplätze und Arbeitsabläufe möglichst barrierearm gestaltet werden. Wobei zu beobachten ist, dass auf Arbeitgeberseite die Einsicht wächst, dass Barrierefreiheit und Inklusion viel weniger nur kurzfristige Kostenposten sind, sondern Faktoren einer mittel- und langfristigen Leistungssicherung und -steigerung. So erleichtert eine barrierearme Umgebung das Arbeiten nicht nur Kolleg*innen mit Behinderung.

Einen wichtigen Schritt mit Signalwirkung sind hier IG BCE und BAVC gegangen mit einer im September 2020 geschlossenen Sozialpartnervereinbarung „Betriebliche Teilhabe und Inklusion in der chemischen Industrie“:
Die gemeinsam getragenen Ziele sind die Schaffung einer Unternehmenskultur, die
a) das Bewusstsein für Menschen mit Behinderungen und ihre Fähigkeiten schärft und die Achtung ihrer Rechte und ihrer Würde fördert;
b) die Teilhabebedarfe in Arbeitsprozessen von Anfang an berücksichtigt;
c) die Teilhabe von Menschen mit Behinderungen am Arbeitsleben aktiv fördert und unterstützt, Barrieren abzubauen und die Integration in Arbeitsprozesse ermöglicht;
d) barrierefreie Zugänge zu Aus- und Weiterbildung und zu Informationen sichert;
e) das eigenverantwortliche Handeln stärkt;
f)  Ängste und Vorurteile abbaut sowie
g) die Barrieren in Köpfen, Gebäuden und Strukturen vermeidet und bestehende reduziert.

Die Erfahrung zeigt, dass diese Ziele je nach Betriebsgröße sehr unterschiedlich das unternehmerische Handeln (mit) bestimmen. Während große und international aufgestellte Unternehmen in der Regel bereits sehr weitgehend Inklusion als Managementaufgabe ernst nehmen, steht dies Thema in klein- und mittelständischen Unternehmen oft sehr weit unten oder sogar gar nicht auf der Tagesordnung. Hier liegt eine große Herausforderung, gangbare Wege aufzuzeigen.

Die Sozialpartnervereinbarung nennt hierzu neun Handlungsfelder für die Umsetzung von Inklusion, angefangen von Bewusstseinsbildung und einer inklusiven Führung und Unternehmenskultur bis hin zu einer barrierefreien Kommunikation und Information und – nicht zuletzt – Beschäftigung. Ein Patentrezept, das für alle Unternehmen gleichermaßen gilt, wird es nicht geben. Allerdings ist darauf hinzuwirken, dass alle Unternehmen unabhängig von ihrer Größe den gesetzlichen Verpflichtungen nachkommen: Beginnend bei einer Bereitstellung der für die Wahrnehmung ihrer Aufgaben erforderlichen Ressourcen (Räume, Freistellungen, Schulungen, Ausstattung) der SBV über Benennung eines bzw. einer Inklusionsbeauftragten als Ansprechpartner*in für die SBV bis hin zur gemeinsamen Aushandlung einer Inklusionsvereinbarung.

Die Sozialpartnervereinbarung hat das Zeug dafür, beispielgebend auch für andere Branchen zu sein und hierfür wird sich die IG BCE innerhalb ihres Organisationsbereiches gegenüber anderen Arbeitgeberverbänden stark machen. Darüber hinaus ist wünschenswert, Inklusion wie auch andere soziale Standards europaweit für Unternehmen verpflichtend zu machen. Wie inklusiv und wie offen für Diversität die Arbeitswelt wie auch die Gesellschaft insgesamt ist, ist ein entscheidender Gradmesser dafür, wie demokratisch, wie human und wie nachhaltig sie sind.

Schließlich bleibt noch beim Blick über Europas Grenzen hinaus eines festzuhalten: So, wie innerhalb Deutschlands (und sicher auch anderer hochentwickelter Industrienationen) ein Gefälle besteht zwischen großen Unternehmen und klein- und mittelständischen Betrieben, so werden die Ressourcen und die Bedeutung, die Inklusion und Teilhabe zugewiesen werden (können), auch zwischen wirtschaftlich unterschiedlich entwickelten Ländern stark differieren. Das aber darf nicht davon abhalten, auch und gerade hier Lösungswege zu finden. Und da sind wiederum ‚unsere‘ international aufgestellten Unternehmen in der Verantwortung, so wie wir als Gewerkschaft Schwestergewerkschaften in anderen Ländern dabei unterstützen werden, dies zentrale Gerechtigkeitsthema anzugehen.

 

Die Autorin

Petra Reinbold-Knape ist Mitglied des geschäftsführenden Hauptvorstands der IG BCE und dort verantwortlich für u.a. Diversity und Antidiskriminierung.

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Über diesen Blog

Dieser Blog gibt nicht die Sichtweise der Chemie-Industrie wieder: Darum geht es hier gar nicht. Wir wollen auf diesen Seiten voneinander lernen und einander zuhören, offen und mit großem Respekt vor Perspektiven der Anderen. Nur so können wir Wege finden, die Zukunft gemeinsam zu gestalten.

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