Meeresforschung made in Germany für die Ozeane der Zukunft

„Leben unter Wasser“ – schon 1870 schrieb Jules Verne in seinem Roman „20.000 Meilen unter dem Meer“ von den Geheimnissen unter der Wasseroberfläche. Wer war als Kind nicht von Kapitän Nemo und seiner „Nautilus“ fasziniert, einem Unterseeboot, das Energie aus unterseeischen Kohlevorkommnissen bezog und deren Mannschaft sich von Meerestieren und -pflanzen versorgte? Was 1870 und lange danach noch reine Fiktion war, ist heute zum Teil bereits Realität geworden.

71 Prozent der Erdoberfläche ist von Wasser bedeckt. Unsere Meere bilden ein riesiges Ökosystem. Lange Zeit wurde das verkannt. So ging man davon aus, dass die Tiefsee, dort wo kaum oder kein Licht mehr hinkommt, nicht oder nur sehr schwach belebt sei. Denn das Vordringen in tiefste Meerestiefen, war auch mit U-Booten kein leichtes Unterfangen und die Methoden zum Aufspüren von Kleinstlebewesen noch nicht so ausgefeilt. Erst mit dem Fortschreiten der Wissenschaft und der Entwicklung der Robotik und unbemannter Unterwasserfahrzeugen, war es möglich, auch dorthin vorzudringen. Immerhin 50 Prozent der Meere haben eine Tiefe von drei Kilometern und der Mariannengraben ist sogar bis zu 11 km tief. Heute nutzen wir dank hochinnovativer Meerestechnik autonome unbemannte Unterwasserfahrzeuge, die es uns ermöglichen, auch diese Tiefen zu erforschen und so mehr über unsere Meere zu erfahren.

Als Nahrungsquelle war das Meer schon seit jeher von großer Bedeutung für die Menschen. Aber erst seitdem das Wissen auch über die Tiefsee wächst, wächst auch die Erkenntnis über die Bedeutung der Ozeane z.B. als Speicherorte für atmosphärischen Kohlenstoff oder als ökologisch sensibler Wirtschaftsraum.

Das Bundesministerium für Wirtschaft und Klimaschutz fördert deshalb aus dem Maritimen Forschungsprogramm verschiedene Projekte insbesondere im Bereich der maritimen Robotik und Unterwassertechnik. So erhielt beispielsweise im letzten Jahr das Unternehmen tkms aus Kiel einen Förderbescheid für das Projekt „MUM 2“. MUM ist ein unbemanntes Unterwassersystem für verschiedene Anwendungen in der zivilen maritimen Industrie. Beispiele sind der Transport und Einsatz von Nutzlasten, Anwendungen in der Offshore-Energie oder die Erkundung von schwer zugänglichen Seegebieten, wie z.B. den arktischen Eisregionen. Das System ist modular aufgebaut und nutzt elektrische Energie aus einer emissionsfreien Brennstoffzelle als Hauptenergiequelle. Mit MUM 2 soll 2025 ein großes Demonstratorfahrzeug zur Verfügung stehen, das mit über 25 Metern Länge eines der weltweit größten unbemannten Unterwasserfahrzeuge darstellen wird.

Mit dem Wissen um die Bedeutung der Meere sind in den letzten Jahrzehnten auch die Anstrengungen zum Schutz der Ozeane gestiegen, so haben die Vereinten Nationen 2021 die UN Ozeandekade ausgerufen, die angelehnt an das SDG 14 „Leben unter Wasser“ sieben Ziele formuliert, wie wir uns die Ozeane der Zukunft wünschen.

Denn über Jahrzehnte wurden die Meere zur Entsorgung aller Arten von Müll genutzt. Was einmal von der Wasseroberfläche verschwunden war, wähnte man als „gelöstes Problem“. Ein Trugschluss. Plastikmüll und Mikroplastik im Meer und in den Flüssen bereitet uns überall auf der Welt große Probleme. Vor unserer „deutschen Haustür“ liegen ca. 1,6 Millionen Tonnen konventionelle Munition in der Nord- und Ostsee. Eine Schädigung für die Umwelt, eine Gefährdung für Menschen und Tiere und eine Belastung für die Tourismuswirtschaft an unseren Küsten. Vor dem Hintergrund der Anfang 2019 bekannt gewordenen Forschungsergebnisse zur Belastung von Meeresumwelt und -lebewesen ist auf der politischen Ebene nun endlich Bewegung in dieses Thema gekommen. Neben einer hochrangigen Runde aus den verschiedenen betroffenen Bundesministerien, die sich mit dem Thema befasst, haben wir im Koalitionsvertrag verankert, dass für die Bergung und Vernichtung von Munitionsaltlasten in der Nord- und Ostsee ein Sofortprogramm aufgelegt werden soll, das auch die Finanzierung für die mittel- und langfristige Bergung bereit stellt. Daran arbeiten wir derzeit. Darüber hinaus unterstützt die Bundesregierung verschiedene Forschungsprojekte, die sich mit der Detektion und Bergung von Munition im Meer befassen. Das Projekt MARISPACE-X, das vom Bundeswirtschaftsministerium gefördert wird, verfolgt neue digitale Ansätze im Bereich der Sensorik, Datenverarbeitung und künstlichen Intelligenz, die eine effizientere Detektion und Identifikation von Munition erreichen sollen. Das Verbundvorhaben CONMAR der Deutschen Allianz Meeresforschung, gefördert vom Bundesforschungsministerium, erarbeitet konkrete Lösungsansätze für die Überwachung, Bergung und Entsorgung von Munitionsaltlasten. Wie empfindlich das Ökosystem Tiefsee ist, haben wir bereits in Tiefseebergbaugebieten im Pazifik gesehen. Eingriffe in dieses System sind auch nach Jahrzehnten noch unverändert erkennbar. Die begrenzte Verfügbarkeit von seltene Erden und Mangan an Land, machen den Tiefseebergbau aber für eine Reihe von Staaten interessant. Im Koalitionsvertrag haben wir deshalb festgelegt, dass wir uns für eine verbindliche Überprüfung der Umweltverträglichkeit und für strenge internationale Umweltstandards einsetzen. Außerdem wollen wir die Meeresforschung fortführen.

Ich freue mich deshalb sehr darüber, dass mich die Deutsche Allianz Meeresforschung in ihren internationalen Beirat berufen hat und ich so direkt am „Puls der aktuellen Forschung“ bin. Ich bin davon überzeugt, dass wir mit unserer Forschung und unser hochinnovativen Meerestechnik made in Germany, den anstehenden Herausforderungen begegnen können. Denn „alles, was ein Mensch sich vorzustellen vermag, werden andere Menschen verwirklichen können“ – das wusste bereits Jules Verne.

 

Die Autorin

Claudia Müller ist Koordinatorin der Bundesregierung für die Maritime Wirtschaft und Tourismus. Sie ist seit 2017 für Bündnis90/Die Grünen im Bundestag und kommt aus Mecklenburg-Vorpommern.

Mehr erfahren

Kommentare

Keine Kommentare

Lesen Sie bitte auch unsere Regeln für Kommentare.

Über diesen Blog

Dieser Blog gibt nicht die Sichtweise der Chemie-Industrie wieder: Darum geht es hier gar nicht. Wir wollen auf diesen Seiten voneinander lernen und einander zuhören, offen und mit großem Respekt vor Perspektiven der Anderen. Nur so können wir Wege finden, die Zukunft gemeinsam zu gestalten.

Mehr erfahren