Die festgefahrene Ernährungsdebatte neu denken – und zwar mutig

“16 Millionen Menschen sind seit Beginn der Pandemie an Hunger gestorben. Das sind etwa 1000 Menschen pro Stunde. Wo sind die Nachrichten darüber? Wo ist die Empörung??” Mit diesen Worten hat sich der Chef des Welternährungsprogramms der UN, David Beasley, im September an die Öffentlichkeit gewandt. Gehört wurde er nicht. Und das, obwohl seine Organisation im Jahr 2020 mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet wurde. 

Rund 768 Millionen Menschen galten 2020 als unterernährt. Das sind etwa 10 Prozent der Weltbevölkerung und 118 Millionen Menschen mehr als 2019 – auch wegen der Corona-Pandemie. Damit wächst die Zahl der hungernden Menschen weit schneller als die Weltbevölkerung. Die Weltgemeinschaft hatte sich 2015 das Ziel gesetzt, dass keiner mehr hungern muss. Sechs Jahre später sind wir dem Ziel nicht nähergekommen, sondern hinter die Startlinie zurückgefallen. Manchmal kommt es mir vor, wir stehen dem Hunger heute genauso gleichgültig gegenüber wie Intellektuelle in den Salons von Paris und London in den dreißiger Jahren, die angesichts einer Bewunderung für den Stalinismus nicht sehen wollten, wie Millionen in der Ukraine der Zwangskollektivierung zum Opfer fielen. 

Wachsende Nachfrage nach Nahrungsmitteln auf der einen Seite und ein steigender Druck auf Ernten durch rasante Klimaveränderungen auf der anderen machen Ernährung zu einem entscheidenden Politikfeld.
Der Klimawandel ist dabei die größte Bedrohung für die weltweite Ernährungssicherheit. Menschen sterben aufgrund von Ernteverlusten durch Dürren, Starkregen und andere extreme Wetterereignisse. Selbst wenn wir es schaffen, den Temperaturanstieg auf 1,5 Grad Celsius zu beschränken, stehen wir mit den heutigen Ernährungssystemen vor der massiven Herausforderung, einen klimabedingten Ertragsrückgang von mehr als 5 bis 10 Prozent zu verhindern. Die darüber hinaus prognostizierte steigende Nachfrage von bis zu 60 Prozent bis 2050 zeigt, wie dramatisch sich die Schere öffnet. Ein Blick zurück lässt ahnen, wie sehr Menschen unter solchen Konstellationen zu leiden haben.

Der Autor Adam Grant hat uns ins Stammbuch geschrieben, dass all die, die ihre Meinung nicht ändern können, oft falsch liegen. Die festgefahrene Ernährungsdebatte braucht Mut, um sie neu zu denken. Für die chemische Industrie bedeutet das, wir können nicht länger steigende Erträge als Rechtfertigung der sozialen und ökologischen Folgeschäden anführen. Auf der anderen Seite gilt für Klimaaktivisten und Naturschützer, dass die Forderung nach weniger Intensivierung mit geringeren Erträgen in einer Welt mit acht Milliarden Menschen und zunehmend ungemütlichem Klima auch nicht mehr salonfähig sein darf.

Das Leitbild muss nachhaltige Intensivierung sein, die mehr Ertrag auf weniger Fläche ermöglichen kann. Hierfür brauchen wir eine Willkommenskultur für Innovationen. Eine ganze Generation von Wissenschaftlern wird derzeit durch das enorme Potenzial an der Schnittstelle von Genomforschung, künstlicher Intelligenz und neuartiger Chemie inspiriert. Neun der letzten zehn Nobelpreise für Chemie wurden für Entdeckungen in diesem Bereich verliehen. Die mRNA Impfstoffe haben bewiesen, was in der Medizin möglich ist. Nun gilt es, diese revolutionäre Innovationskraft auch in Materialchemie und Ernährungssystemen zur Entfaltung zu bringen.

Bayer investiert in seinem Crop-Science-Geschäft jährlich fast 2,5 Milliarden Euro in die Forschung, um Landwirtschaft in die Lage zu versetzen, weniger Treibhausgase auszustoßen, atmosphärischen Kohlenstoff im Boden zu binden und die Erträge gegen Klimagefahren zu sichern. Wir glauben, Kunstdünger durch Mikroorganismen und neuartiges Saatgut ersetzen zu können, die Erträge beim Mais durch die Einführung kurzstämmiger Sorten um 20% steigern zu können, Kleinbauern Zugang zu modernstem Saatgut zu verschaffen, Landwirtschaft überall zu digitalisieren und mit einer neuen Generation von präziserem, weniger umweltschädlichem Pflanzenschutz das Ziel zu erreichen, mehr auf weniger Fläche zu produzieren. Das alles wird uns ermöglichen, Ernteverluste zu reduzieren sowie Flächenfraß und die Entwaldung zu stoppen. Wir brauchen aber auch bessere Bewässerungstechnologie, Trockenheitsresistenz und Alternativen zur heutigen Fleischproduktion - sowohl pflanzen- als auch zellkulturbasiert.

In diesem Jahr, 25 Jahre nach der Ernte des ersten gentechnisch veränderten Sojas, wurden in Ländern des Globalen Südens Golden Rice, RNAi Cassava und BT Mais zugelassen – bei allen drei Pflanzen konnte dank fortschrittlicher Technologien der Ertrag gesteigert werden und damit ein wichtiger Beitrag im Kampf gegen Hunger geleistet werden. Angesichts rasant steigender Importpreise für Nahrung setzen immer mehr Länder auf Innovation. Europa darf sich damit nicht länger schwertun. Immerhin hat die öffentliche Konsultation zu neuen Züchtungstechnologien begonnen und deren gesellschaftliche Akzeptanz zugenommen. Ohne das Wohlwollen von Europas Regulierern wird die Biorevolution zwar die Welt verändern, aber eben auf diesem Kontinent ausfallen. Wir stehen vor der Frage, ob Europa sein Potential ausschöpfen kann, das Ziel „Zero Hunger“ zu erreichen oder die Probleme verschärft. Die Möglichkeiten der Biorevolution abzulehnen, kommt dem Verbot des Buchdrucks im Osmanischen Reich gegen Ende des 15. Jahrhunderts gleich. Bücher haben sich dennoch weltweit durchgesetzt.

 

Der Autor

Matthias Berninger leitet bei der Bayer AG den Bereich „Public Affairs, Science & Sustainability“. Er verantwortet die Public-Affairs-Arbeit, Nachhaltigkeit als Schwerpunkt der Geschäftsstrategie sowie die grundsätzliche Ausrichtung des Unternehmens entlang großer Veränderungen in der Wissenschaft.

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Über diesen Blog

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