Den Plastik-Kreislaufrunder machen

Kunststoffe sind in unserem Alltag – von Medizin und Mobilität über Hausbau, Haushalt und Hobbys bis zum Sport – oft kaum zu ersetzen. Auch helfen die vielseitigen und langlebigen Materialien beim Energiesparen und tragen zur Ressourcenschonung bei. Dennoch sind Kunststoffe in die Kritik geraten. Vor allem in Form von Verpackungen, die als Plastikmüll enden. Wie kann es gelingen, Kunststoffe besser im Kreislauf zu führen und die Umwelt zu schützen?

Lesezeit: 6 Minuten

60 Prozent aller Kunststoffabfälle von Endverbrauchern sind Verpackungen.

Worüber reden wir eigentlich?

Es genügt, sich den letzten Einkauf im Supermarkt zu vergegenwärtigen. Als Schutz für Produkte begegnen uns Kunststoffe besonders häufig. Zahlen belegen diesen Eindruck. In Deutschland machen Verpackungen knapp 60 Prozent des Kunststoffmülls von Endverbrauchern aus. Das Problem: Nur 39 Prozent aller Endverbraucher-Kunststoffabfälle werden bislang recycelt. Viel zu wenig! Denn Kunststoffe sind Rohstoffe, die idealerweise im Kreis geführt werden. Nicht der Kunststoff ist per se ein Problem, sondern das zu geringe Recycling.

Ist ein genereller Verzicht auf Plastikverpackungen die Lösung?

Nein. Denn ohne sie würden Konsumgüter oft beschädigt am Ziel eintreffen oder viele Lebensmittel zu schnell verderben. Und deren Erzeugung belastet häufig das Klima und die Umwelt. Ziel muss also – auch aus ökologischer Sicht – sein, Lebensmittel so lange wie möglich verzehrfähig zu halten. Neben einem sachgemäßen Transport spielt hier die Verpackung die entscheidende Rolle.

Urteilt man über die verwendeten Verpackungsmaterialien, muss ihre Nachhaltigkeit ganzheitlich betrachtet werden. Von der Herstellung bis zur Entsorgung sind Kunststoffverpackungen hinsichtlich des Rohstoff- und Energieverbrauchs sowie der Treibhausgasemissionen anderen Materialien wie Papier und Glas oft überlegen. So weist die PET-Mehrwegflasche den geringsten CO2-Verbrauch auf, gefolgt von der PET-Einwegflasche. Dann erst folgt die Glasflasche. Der ökologische Vorteil von PET-Mehrweg hängt allerdings auch von Faktoren wie Verpackungsgröße und Transportentfernung ab. Vergleiche wie dieser sind komplex und führen oft zu überraschenden Erkenntnissen.

Auch verbessert sich die Umweltbilanz eines Produkts, sobald Kunststoffe andere Materialien ersetzen. Ein neuartiges Fertigungsverfahren für Joghurtbecherdeckel aus Polypropylen lässt den Energiebedarf im Vergleich zum klassischen Aludeckel um 90 Prozent sinken. Vor allem aber erhöht sich das Recycling derartiger Behältnisse. Denn wird der Aluminiumdeckel nicht vom Becher entfernt, kann dieser nicht als Kunststoff erfasst und recycelt werden – und ist als Rohstoff verloren.

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Noch der Regelfall: Energiegewinnung durch Verbrennung

In Deutschland ist es verboten, Plastikabfälle zu deponieren. Das verhindert deren unkontrolliertes Eintreten in die Umwelt und fördert die Kreislaufwirtschaft. Allerdings gilt dieses Deponieverbot nicht einmal EU-weit, vom Rest der Welt ganz zu schweigen. „Marine Litter“, der durch die Weltmeere strudelnde Plastikmüll, stammt zum überwiegenden Teil aus Afrika und Asien. Die Gründe dafür liegen unter anderem in einer fehlenden Infrastruktur für das Recycling und in einem weniger stark ausgeprägten Umweltbewusstsein. Zum Ausbau von Entsorgungswegen in diesen Ländern haben sich weltweit Unternehmen zur Alliance to End Plastic Waste zusammengeschlossen.

Wohin also mit Plastikabfällen, die nicht recycelt werden und nicht deponiert werden dürfen? Hierzulande werden 61 Prozent der Endverbraucher-Plastikabfälle energetisch verwertet, also verbrannt und zur Strom- oder Fernwärmegewinnung genutzt. Kunststoffe ersetzen in diesen Fällen fossile Brennstoffe und tragen zur Ressourcenschonung bei. Dennoch ist dieser Weg langfristig nicht die optimale Lösung. Plastik ist ein Rohstoff, der möglichst oft wiederverwertet werden sollte. Darum muss die energetische Verwertung von Kunststoffabfällen zurückgefahren werden – zugunsten des vermehrten Recyclings.

Oberstes Ziel: mehr Recycling

Das gelingt nur durch einen Kreislauf, an dem alle Akteure der Wertschöpfungskette beteiligt sind: Materialforschung, Kunststofferzeuger, Produkthersteller, Handel, Verbraucher, Entsorger, Verwerter und die zuständigen Behörden. Mit allen Beteiligten stehen die chemische Industrie und die Kunststoffindustrie in regem Austausch und liefern wichtige Impulse. Denn nur mit gemeinsamen Anstrengungen wird die Kreislaufwirtschaft in Zukunft noch runder laufen.

Nur konzertierte Anstrengungen aller Akteure führen zu einer optimalen Kreislaufwirtschaft.

Gemeinsam Produkte besser machen

Wie gut sich Kunststoffverpackungen recyceln lassen, entscheidet sich schon im Ideenstadium. Bereits beim Produktdesign müssen Nachhaltigkeitsaspekte zum Tragen kommen, wie das Beispiel der erwähnten Joghurtbecher zeigt.

Die Industrievereinigung Kunststoffverpackungen (IK) hat darum 2014 gemeinsam mit Plastics Europe, dem Verband der Kunststofferzeuger, einen runden Tisch zum „Eco Design“ ins Leben gerufen. Sein Ziel: die Förderung von nachhaltigeren Produktdesigns, die das Recyceln erleichtern und wenn möglich auch Material einsparen. Dazu entwickelt die Vereinigung Leitfäden, gibt Handlungsempfehlungen, definiert Standards und liefert Tools für die Kunststoffbranche. Gedacht und gearbeitet wird dabei über Sektoren und Branchen hinweg.

Auch Vertreter des Handels gehen mit gutem Beispiel voran. So vereint das von einem bundesweit vertretenen Drogerieunternehmen initiierte Rezyklat-Forum 32 Mitglieder – bestehend aus Händlern, Herstellern, Entsorgern, Verpackungsherstellern sowie Vertretern aus Ministerien. Sie verfolgen unter anderem das Ziel, den Recycling-Anteil in Produkten und Verpackungen zu erhöhen. Außerdem spart neuerdings ein großer Discounter im Testverkauf beim Verpacken seiner Hackfleischprodukte 60 Prozent Plastik ein – mit neu entwickelten Recycling-Verpackungen aus Kunststoff wohlgemerkt.

Innovationen der Chemie fördern die Kreislaufwirtschaft

Lösungen, die Rohstoffe wie Plastik konsequenter im Kreislauf führen, sind heute ein wichtiges Forschungsfeld der Chemie: So sind Kunststoffverpackungen, z. B. aus biobasierten Rohstoffen wie Alt- und Restölen, mittlerweile eine Realität. Neben der Forschung nach neuen Materialien und Verfahren kann auch die Kombination bereits bekannter Stoffe ans Ziel führen. Der von Verpackungen bekannte Massenkunststoff Polyethylen kann durch Zugabe eines Additivs, das bislang in Heißklebern steckt, für ein "zweites Leben", etwa als Spritzguss-Gehäuse von Elektrogeräten, aufbereitet werden. Auch die Abfallverwertung wird durch die Innovationskraft der Chemie verbessert. Plastikrecycling ist kompliziert, weil beim herkömmlichen mechanischen Verfahren die Abfälle gesäubert und nach unterschiedlichen Kunststoffgruppen sortiert werden müssen. Beides ist technisch nicht immer möglich oder zumindest mit großem Aufwand verbunden. Aber auch hier gibt es vielversprechende Entwicklungen, die die Trennung der Wertstoffe optimieren. Im hessischen Gernsheim findet sich die modernste Sortiermaschine Europas, die automatisch erkennt, ob ein Shampoo-Behältnis aus Polyethylen, eine PET-Getränkeflasche oder ein Joghurtbecher aus Polystyrol (PS) durch sie hindurchläuft. Zudem kennzeichnen „digitale Wasserzeichen“ Plastikprodukte, sodass sie in neuen und modernen Sortieranlagen per Infrarotkamera identifiziert und automatisch der materialgerechten Verwertung zugeführt werden.

Hoffnungsträger chemisches Recycling

Bislang noch wenig bekannt ist das chemische Recycling, das in Zukunft das bisher übliche mechanische Verfahren sinnvoll ergänzen kann. Dabei werden Kunststoffabfälle durch chemische Prozesse in Rohstoffe umgewandelt. Das dabei entstehende Ausgangsmaterial kann, statt fossiler Rohstoffe, für die Herstellung von neuen Kunststoffen verwendet werden. Zwei Gründe machen den Durchbruch dieser Technologie wünschenswert: Erstens können im Gegensatz zum mechanischen Recycling auch verschmutzte und vermischte Kunststoffsorten recycelt werden, die ansonsten der energetischen Verwertung zugeführt würden. Dadurch ließen sich zukünftig höhere Recyclingraten erzielen. Zweitens lassen sich aus dem gewonnenen Material Kunststoffe in Neuwarequalität herstellen.

Wie sehen die Ziele aus?

Akteure aus der Kunststoff-Wertschöpfungskette gehen mit Selbstverpflichtungen voran.

Industrievereinigung Kunststoffverpackungen (IK):
Bis 2025
sind


90 % aller Verpackungen recycling-
oder mehrwegfähig.
Bis 2025
werden bei der Verpackungsherstellung


1 Mio. Tonnen Rezyklat pro Jahr
eingesetzt.
Circular Plastics Alliance
Ab 2025
werden in der EU jährlich


10 Mio. Tonnen Rezyklat in der
Kunststoffproduktion verwendet.
Bis 2030
werden


60 % der Kunststoffverpackungen
recycelt oder wiederverwendet.
Weil es nie zu spät ist

Der Kampf gegen Plastik in der Umwelt

Gelangt Plastik in die Umwelt, ist es zu spät, der Verschmutzung zuvorzukommen. Nie zu spät ist es aber, diese Vorkommnisse rückgängig zu machen und in Zukunft zu verhindern.

Die Umweltverschmutzung durch Plastikmüll hat man in Deutschland – dank Deponieverbot und funktionierendem Abfallmanagement – im Griff. 90 Prozent der Kunststoffe im Meerstammen aus den zehn größten Flüssen der Welt – acht davon in Asien und zwei in Afrika. Das bedeutet nicht, dass uns in Deutschland die Vermüllung der Meere nichts angeht. Schließlich exportieren deutsche Unternehmen Kunststoffprodukte und stellen diese auch im Ausland her.

Die Alliance to End Plastic Waste (AEPW) stellt sich als weltweit agierender Verbund aus 42 Firmen – vom Chemieunternehmen bis zum Entsorger – dieser Verantwortung. Ihre Ziele sind ambitioniert und vielfältig und zielen schwerpunktmäßig auf Regionen ab, die für den größten Teil der Einträge von Kunststoffabfällen in die Ozeane verantwortlich sind. Zu den von der AEPW angestoßenen Maßnahmen zählen etwa der Aufbau einer Infrastruktur für das Recycling, die Einführung von Abfallmanagementsystemen, die Aufklärung von Behörden und Bevölkerung und die tatkräftige Unterstützung von Müllsammelaktionen in besonders verschmutzten Flussgebieten.

Langfristiges Ziel muss es sein, Kunststoffe weltweit in einem geschlossenen Kreislauf zu führen und so Plastikabfälle in der Umwelt zu verhindern. Das schont Ressourcen und trägt zum Klimaschutz bei. Wir stehen vor einer Aufgabe von globaler Dimension, die sämtliche Akteure und Branchen aus der Kunststoff-Wertschöpfungskette fordert.

So entsorgen Sie Plastikmüll richtig*

Das gehört in den Gelben Sack/die Gelbe Tonne (Auswahl):
  • Getränkekartons
  • Dosen
  • Alu-, Blech- und Kunststoffdeckel
  • Medikamentenblister
  • Joghurtbecher und -deckel (getrennt voneinander)
  • Plastikflaschen (Shampoo, Putz- und Reinigungsmittel)
  • Zahnpastatuben
  • EPS-Verpackungen (Polystyrol-Hartschaum)
  • Süßigkeitenverpackungen aus Kunststoff
Das gehört NICHT in den Gelben Sack/die Gelbe Tonne (Auswahl):
  • Einwegrasierer
  • Klarsichthüllen
  • CDs, DVDs und Blu-ray-Discs
  • Zahnbürsten
  • Elektrogeräte
  • Altkleider/Strumpfhosen
Bitte beachten Sie:
  • Nur Verpackungen gehören in den gelben Sack/die gelbe Tonne – nicht aber Produkte aus Kunststoff (d. h. Zahnpastatube: ja, Zahnbürste: nein).
  • Die Verpackungen müssen entleert sein, aber nicht vorher ausgespült werden.
  • Verpackungen nicht ineinanderstapeln.
* In Abhängigkeit vom Recyclingsystem können die Bestimmungen auf lokaler Ebene abweichen. Bitte beachten Sie die für Ihren Wohnort gültigen Regelungen.
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