Kreislaufwirtschaft als einigende Vision

Der 29. Juli 2021: ein Ferientag, an dem hoffentlich viele den Sommer genießen können. Für mich ist das Datum aber auch mit düsteren Wolken verbunden. Denn es markiert, wie es um Natur und Umwelt steht: nicht gut. Am 29. Juli ist dieses Jahr der „Earth Overshoot Day“. Der Tag, an dem die Menschheit wieder einmal viel zu früh alle natürlichen Ressourcen aufgebraucht hat, die unser Planet innerhalb eines Jahres wiederherstellen kann.

Ein halbes Jahrhundert leben wir jetzt schon über unsere Verhältnisse. Borgen uns immer mehr Öl, Kohle, Wasser, Holz, Erze von der Erde, unserem geduldigen Gläubiger. Seit 1970 hat sich der globale Ressourcenverbrauch mehr als verdreifacht. Und auch der Zins wird immer größer. Wir zahlen für unseren Lebensstil mit Artensterben, Abfallbergen, Klimaveränderungen. In diesem Jahr werden die menschengemachten CO2-Emissionen, nach einem leichten Corona-Knick, voraussichtlich weiter zunehmen, um 1,5 Milliarden Tonnen – der zweitgrößte Anstieg, seit wir Messungen vornehmen.

Schon lange ist klar, dass es so nicht weitergeht. Doch viel zu lange haben sich Konferenzen, Manifeste und Appelle aneinandergereiht, ohne dass es zu einschneidenden Veränderungen gekommen ist. Inzwischen hat der notleidende Gläubiger Erde aber den Zeitgeist auf seiner Seite. Nachhaltigkeit ist en vogue. Aus der unideologischen, hedonistischen Jugend vergangener Jahrzehnte ist so etwas wie eine Öko-APO geworden, nicht nur freitags. Immer mehr große und kleine Staaten, große und kleine Unternehmen setzen sich anspruchsvolle Klimaziele. Immer mehr Anleger sind auf grüne Investments aus. Auch die Technik spielt mit. Erneuerbare Energie ist quasi wettbewerbsfähig und wird dieses Jahr wohl 30 Prozent der Stromerzeugung ausmachen. Kühne Nachhaltigkeitsszenarien für zentrale Lebensbereiche wie Mobilität, Bauen, Gesundheit und Ernährung müssen keine Utopien bleiben.

Doch Technologie, Absichten und Engagement sind es nicht allein. Wir brauchen auch ein ideelles Koordinatensystem dafür. Einen gemeinsamen Fluchtpunkt, auf den unser Denken und Handeln zuläuft. Eine einigende Vision, die uns mitreißt und motiviert – jeden einzelnen, die Gesellschaft als Ganzes, die Politik, die Wirtschaft. Das ist für mich das Konzept der Kreislaufwirtschaft. Zirkularität heißt: Güter öfter und länger nutzen. Sie so herstellen, dass sie gut repariert und wiederverwertet werden können. Überhaupt viel mehr recyceln – des einen Abfall ist des anderen Rohstoff.

Nur so kann sich von Grund auf etwas ändern. Ich bin überzeugt: Mit konsequenter Kreislaufführung wird es uns gelingen, wirklich nachhaltige neue Konsummuster und ebensolche Produktionsweisen einzuführen. Und damit eine Kettenreaktion in Gang zu setzen, die nachhaltige Lösungen für viele der globalen Herausforderungen ermöglicht. Hunger und Armut bekämpfen, bezahlbare und saubere Energie bereitstellen, die Wohnverhältnisse der Menschen verbessern – praktisch überall, wo es um die SDGs geht, bildet die Kreislaufwirtschaft das Fundament. 

Die Chemie- und Kunststoffindustrie ist dabei ein wichtiger Partner. Sie stellt unzählige Produkte und Lösungen bereit, die es braucht, um die erschöpfte Erde aufzufangen und auf ihr ein besseres Leben zu führen. Sie sieht sich aber auch vor der Herkulesaufgabe, selbst viel umweltverträglicher zu produzieren. Derzeit steht der Sektor für sieben Prozent aller Treibhausgasemissionen. Das muss sich ändern. Klimaneutralität darf und soll auch in unserer Branche keine Kopfgeburt bleiben.

Dazu muss auch in der Chemie die Kreislaufwirtschaft zum Leitprinzip werden. Den wichtigsten Hebel bilden die Rohstoffe, die größte CO2-Quelle unserer Industrie. Wir müssen aufhören, klimaschädliche fossile Ressourcen zu nutzen, wie wir es seit Jahrzehnten gewöhnt sind. Das Ölzeitalter geht zu Ende, in der Chemieindustrie wie in vielen anderen Bereichen. Es gilt, Kohlenstoff im Kreis zu führen, anstatt ihn zu verbrennen. Die Möglichkeiten dazu haben wir: Biomasse und Plastikmüll sind als Kohlenstofflieferanten vielversprechende Alternativen zum Erdöl. Hinzu kommt CO2, dessen Klimakiller-Image durch eine Karriere als nützlicher Rohstoff aufgewogen werden könnte.  

Unsere Branche steht also vor einer regelrechten Rohstoffwende; gepaart mit der konsequenten Umstellung auf klimafreundliche Energie aus erneuerbaren Quellen. Ein Riesenprojekt, ein gigantischer Umbau. Immense Summen müssen die Hand genommen werden, mutige Entscheidungen sind zu treffen, Ingenieurkunst auf höchstem Niveau ist gefragt. Wir brauchen einen langen Atem und unerschütterlichen Optimismus. Wir brauchen die Solidarität aller Branchen und den Rückhalt der Bürgerinnen und Bürger.

Und wir brauchen für diesen Umbau richtig gute politische Rahmenbedingungen, zum Beispiel die Aussicht auf sehr viel günstige grüne Energie. Wir müssen wissen, woran wir sind, worauf wir zählen können. Denn es geht um eine epochale Richtungsentscheidung, mit Zukunftsinvestitionen, die keinen Aufschub dulden. Die Chemie- und Kunststoffindustrie ist entschlossen, diesen Weg einzuschlagen. Sie kann und sie will zum Vorreiter der Zirkularität werden.

Wenn die Wirtschaft wirklich umweltverträglich produzieren soll, wenn die Gesellschaft zu einem wahrlich nachhaltigen Lebensstil finden will, dann müssen wir dieses große Projekt Kreislaufwirtschaft beherzt angehen, gemeinsam. Dann haben wir die Chance, dem Klimawandel Einhalt zu gebieten und Wohlstand zu schaffen, der nicht auf immer höherem Ressourcenverbrauch gründet. Ich baue jedenfalls darauf, dass der Earth Overshoot Day bald weit nach hinten wandert.

Der Autor

Dr. Markus Steilemann ist seit Juni 2018 Vorstandsvorsitzender von Covestro. Zu seinem Verantwortungsbereich gehören Bereiche wie Strategie, Nachhaltigkeit, Personal und Kommunikation. Strategischer Schwerpunkt seiner Arbeit ist die umfassende Ausrichtung des Unternehmens auf die Kreislaufwirtschaft.

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Kommentare

Lieber Markus,

du hast zu 100% recht, tun wir es gemeinsam!