Nachhaltige Innovation und Gründergeist in der chemischen Industrie - so schaffen wir die Grüne Transformation

Innerhalb der EU ist die Industrie einer der größten Treiber der Umwelt- und Luftverschmutzung und damit auch des Klimawandels. Sie verbraucht riesige Mengen an Ressourcen wie Kohle, Öl und Gas sowie Wasser, Rohstoffe, Edelmetalle und chemische Substanzen, die auf der ganzen Welt abgebaut werden.

Gleichzeitig schafft die Industrie hochwertige, langfristige Arbeitsplätze sowie Wohlstand und insbesondere die chemische Industrie hat maßgeblich zu der extremen Verbesserung des Lebensstandards innerhalb der letzten Dekaden beigetragen. So lag beispielsweise im Deutschen Reich die Lebenserwartung eines 1900 geborenen Mädchens bei knapp über 40 Jahren, während ein 2000, also nur 100 Jahre später, geborenes Mädchen eine durchschnittliche Lebenserwartung von über 80 Jahren hat.

Viele tödliche Krankheiten und Seuchen wurden mithilfe der modernen Pharmaindustrie ausgerottet und auch seltene Krankheiten können heute besser und effizient in konzentrierten Einrichtungen der Spitzenmedizin behandelt werden.

Falls wir die Grüne Transformation allerdings nicht schaffen und die Klimaerwärmung nicht auf 2 Grad Celsius, oder besser 1,5 Grad Celsius, im Vergleich zum Niveau vor Beginn der Industrialisierung begrenzen, sind diese Errungenschaften und unsere Lebensqualität in Gefahr. Dies kann beispielsweise durch Dürren, mehr und schwerere Naturkatastrophen sowie das Artensterben passieren.

Daher ist die große Herausforderung, vor der wir stehen, klar: Erhalt und Ausbau der Innovationskraft und Schaffung von Arbeitsplätzen am Wirtschaftsstandort Deutschland bei gleichzeitiger drastischer Reduktion des CO2-Ausstoßes und Umweltverschmutzung.

 

Dafür brauchen wir:

  1. Eine konsequente Dekarbonisierung bei gleichzeitigem Ausbau der Erneuerbaren Energien (inkl. Wasserstofferzeugung) um den steigenden Energiebedarf zu decken und die Elektrifizierung voranzutreiben;
  2. Eine Stärkung der Innovationen und Forschungen in Deutschland um den führenden Technologiestandort zu erhalten sowie einen Ausbau der Startup-Kultur innerhalb von etablierten Unternehmen;
  3. Eine Steigerung von Energieeffizienz und einen nachhaltigeren Umgang mit Ressourcen bspw. durch Kreislaufwirtschaft.

 

Wo stehen wir?

Die deutsche Industrie ist zweifellos Motor unseres Wohlstands und Innovation. Laut Statistischem Bundesamt arbeiten 7,4 Millionen Beschäftigte in Industrie und verarbeitendem Gewerbe und das Bundeswirtschaftsministerium schätzt alleine für die chemische Industrie (einschließlich Pharmaindustrie) einen Umsatz von knapp 200 Milliarden Euro. Ein großer Teil davon geht in den Export und sichert so auch Deutschlands internationalen Einfluss und Ansehen.

Dieser Erfolg geht allerdings aktuell teilweise auf Kosten der Umwelt. Auch wenn laut Umweltbundesamt in den letzten 30 Jahren die CO2-Emissionen in der Industrie und Energieerzeugung reduziert wurden, müssen wir mehr Tempo machen, um unsere Klimaziele und die Klimaneutralität zu erreichen.

Dabei kommt es auf beide Akteure an: Staat und Wirtschaft können dieses Ziel nur gemeinsam erreichen. Der Staat indem er erstens Investitionen fördert und zweitens Rechtssicherheit schafft, die Wirtschaft indem sie ihr Innovationspotenzial freisetzt. Man könnte hier zum Beispiel auf Projekte zum Grünen Wasserstoff verweisen. So fördert das Land Baden-Württemberg mit dem Aufbau der „Modellregionen Grüner Wasserstoff“ den Grünen Wasserstoff als Energieträger für die Wirtschaft. Gleichzeitig planen BASF und RWE einen Offshore Windpark in der Nordsee um mit nachhaltig erzeugtem Grünem Wasserstoff den CO2 Ausstoß zu senken.

Hier kommt der zweite Aspekt von nachhaltigem staatlichem Handeln zum Tragen. Beschleunigte Verfahren und unbürokratische Genehmigungen für Zukunftsprojekte sind entscheidend, um die Grüne Transformation zu schaffen. Konkret geht es uns vor allem bei dem Ausbau der Erneuerbaren Energien viel zu langsam. In den letzten Jahren der großen Koalition hat der Ausbau gestockt. So wurde etwa 2020 die Leistung von Erneuerbaren Energien in Deutschland nur um 10.000 GWh erhöht, während 2019 18.000 GWh dazu kamen, und bspw. 2017 26.000 GWh .

 

Was können wir besser machen und wo wollen wir hin?

Im Koalitionsvertrag haben sich die Ampelparteien klar auf einen schnelleren Ausbau der Erneuerbaren Energien geeinigt. So sollen bis 2030 80% der Stromerzeugung aus nachhaltigen Quellen stammen. Gleichzeitig gehen wir auch von einem deutlich gestiegenen Strombedarf von 680-750 TWh im Jahr 2030 aus. Das heißt wir müssen nicht nur fossile Energieträger ersetzen, sondern darüber hinaus auch zusätzliche Kapazitäten schaffen um den Energieanforderungen an eine moderne Volkswirtschaft gerecht zu werden.

Zusätzlich zum oben beschriebenen beschleunigten Ausbau brauchen wir auch eine bessere Vernetzung zwischen den Gebieten wo viele erneuerbare Energie zur Verfügung steht (z.B. in Offshore Windparks im Norden) und den Industriestandorten im Süden.

Zudem sind bessere Speicherkapazitäten und belastbare Netze unabdinglich um die inhärent schwankende Energieförderung durch Erneuerbare Energien auszugleichen und planbar zu machen.

Ebenso wie jetzt im politischen Berlin, muss auch von der Industrie ein Aufbruch ausgehen. In Anknüpfung an die große Innovationskraft unserer Unternehmen sollten wir mehr Risikokultur und Gründergeist in etablierten Unternehmen verankern. Dies kann mit eigenen Beteiligungen und der Bereitstellung von Wagniskapital (z.B. Leaps von Bayer) oder auch durch direkte Kooperationen (z.B. Startup Autobahn) geschehen.

Wir setzen uns außerdem für eine bessere Finanzierung von deutschen Startups vor allem in der Late Stage Phase ein, um zu verhindern, dass Unternehmen, Talente, Wissen und Ideen ins Ausland abwandern, wenn hier nicht genügend Kapital bereitgestellt wird. Um dem entgegenzuwirken, wollen wir staatliche Risikobeteiligungen ausbauen und insbesondere mehr Kapital aus privaten Quellen und der Industrie mobilisieren.

Ein konkretes Beispiel für ein Transformationsprojekt ist der Zusammenschluss der beiden Unikliniken Mannheim und Heidelberg. Durch die Fusion der beiden universitätsmedizinischen Einrichtungen könnte hier eine globale Schlüsselregion in der Gesundheitswirtschaft heranwachsen. Die chemische und Pharmaindustrie sowie der Gesundheitssektor haben in Baden-Württemberg die besten Voraussetzungen zu einer Leitindustrie des 21. Jahrhunderts aufzusteigen. Die nötige Dynamik, um die Forschungsleistungen in Medizin- und Gesundheitswissenschaften auf ein globales Spitzenniveau zu heben, könnte durch die Fusion zudem dann das größte Universitätsklinikum Deutschlands entstehen.

Zusätzlich zu Erneuerbaren Energien und Gründergeist braucht die Wirtschaft aber auch Antworten auf die Fragen nach Ressourceneffizienz und der sicheren Versorgung mit Rohstoffen. Hier machen wir uns für einen Ausbau der Kreislaufwirtschaft (z.B. bei Batterien) stark, um mehr wertvolle Rohstoff zu recyceln. Das führt zudem zu weniger Abhängigkeiten von Preissprüngen und Entwicklungen im Ausland.

 

Wir halten fest:

Die Industrie leistet unbestritten einen wichtigen Beitrag zu Wohlstand und Innovation in unserem Land.

Wir möchten als Partner auf Augenhöhe sicherstellen, dass die Grüne Transformation ein Erfolg wird und wir diesen Wohlstand in der Klimaneutralität mindestens erhalten und im besten Fall noch ausbauen können.

Dafür brauchen Unternehmen einen sicheren Rechtsrahmen, staatliche Anreize und bringen im Gegenzug ihre Innovationskraft und Ideenreichtum ein. Der ganze Prozess kann uns nur gemeinsam mit der Natur gelingen und nicht gegen sie.

Denn es geht um viel: Es geht um unser Land, es geht um unseren Planeten, es geht um unsere Zukunft. Packen wir es gemeinsam an!

Die Autorin

Melis Sekmen ist Bundestagsabgeordnete für Bündnis 90/Die Grünen aus Mannheim. Sie ist Obfrau im Wirtschaftsausschuss mit Themenschwerpunkt auf StartUps, Mittelstand sowie Gesundheits- und Kreativwirtschaft. 

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Über diesen Blog

Dieser Blog gibt nicht die Sichtweise der Chemie-Industrie wieder: Darum geht es hier gar nicht. Wir wollen auf diesen Seiten voneinander lernen und einander zuhören, offen und mit großem Respekt vor Perspektiven der Anderen. Nur so können wir Wege finden, die Zukunft gemeinsam zu gestalten.

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