Schwierig, aber unerlässlich – Industrie und Klimaschutz

Die Sustainable Development Goals der Vereinten Nationen sind ein großer Wurf der Staatengemeinschaft, weil sie Lösungen für ALLE relevanten Dimensionen des menschlichen Lebens auf diesem Planeten einfordern und sich einer einseitigen Fokussierung enthalten. Fragen von Gesundheit, Armut, Bildung, Wachstum, Menschenrechten, Beschäftigung und Klimaschutz stehen gleichberechtigt nebeneinander. All diese drängenden Aufgaben von Gegenwart und Zukunft sind nur durch gemeinsame Anstrengungen und technologischen Fortschritt lösbar. Die Industrie wird dafür entscheidende Beiträge liefern müssen und können. Das ist das stetig gewachsene Selbstverständnis der Unternehmen. Diskussionen über die grundsätzliche Frage, OB Klimaschutz notwendig ist, sind nicht zielführend, unabhängig davon, welche Seite des politischen Spektrums sie führt. Viel wichtiger, aber auch herausfordernder ist die Frage WIE Klimaschutz, gleichzeitig mit ALLEN anderen wichtigen SDG Zielen, erreicht werden kann. Bill Gates hat in seinem jüngsten Buch über Klimaschutz zurecht klargestellt, dass es zur Klimaneutralität keine Alternative gibt, aber dass der Weg dahin enorm schwierig sein wird. Oder anders ausgedrückt: die Aussage, dass Klimawandel kein Problem sei, ist ebenso falsch WIE die Aussage, dass globaler Klimaschutz kein Problem sei. Wenn wir uns dieser Erkenntnis ehrlich stellen und intelligente und effiziente Wege suchen und finden, die in den SDGs beschriebenen Ziele der Menschheit zu erreichen, sind wir ALLE - Politik, Gesellschaft und Wirtschaft - unserer Verantwortung gerecht geworden.

Klimaschutz ist in ALLER erster Linie eine Frage von Alternativen. Alternativen zu beinahe ALLEM, womit wir uns in den letzten Jahrhunderten Fortschritt und Wohlstand erarbeitet haben und auf die wir zurecht stolz sind. Doch wir mussten auch feststellen, dass insbesondere unser weitgehend auf Verbrennung fossiler Stoffe beruhendes Konzept der Energieversorgung langfristige Nebenwirkungen erzeugt, die ALLE Fortschritte und langfristig sogar die Fortexistenz der Menschheit bedrohen. Diese Notwendigkeit zur allumfassenden Veränderung auf beinahe ALLEN Feldern unserer Existenz meint Bill Gates, wenn er feststellt: „The world has never done anything quite this big“. Doch die Größe der Herausforderung darf uns nicht zur Verzagtheit oder Resignation führen. Sie muss uns in unserer Intelligenz, in unserer Innovationskraft, in unserer Beharrlichkeit, aber auch in unserer Bereitschaft zur globalen Kooperation herausfordern und aktivieren. Wir werden diese Herausforderungen nur bestehen, wenn Konsumenten, Unternehmen und Länder attraktive Alternativen für sich sehen, mit denen sie ihr Verhalten so verändern können, dass ALLE Sustainable Development Goals erreichbar werden. Klimaschutz um den Preis von Armut und Verzicht zu erreichen erscheint mir weltweit politisch nicht durchsetzbar. Daher brauchen wir Alternativen, die das Klima schützen und den Menschen Perspektiven für Wohlstand, Beschäftigung, Freiheit und Frieden bieten. Diese Alternativen zu entwickeln und wirtschaftlich attraktiv zu machen ist aus meiner Sicht die Kernaufgabe einer intelligenten Verbindung von Klima- und Industriepolitik.

Die Lösungen existieren. Einige, WIE erneuerbare Energien, bereits im industriellen Maßstab. Andere, WIE Wasserstofftechnologien, wachsen gerade erst aus dem Stadium des Reallabors heraus. Doch wir müssen nichts gänzlich neu entdecken, um unsere Ziele zu erreichen. Wir müssen das, was wir bereits kennen, auf ein möglichst globales industrielles Level heben und zu einem effizienten System verknüpfen. Im Mittelpunkt steht die Kombination eines klimaneutralen Energiesystems mit einem System des zirkulären Wirtschaftens. Aus dieser Kombination lassen sich ALLE weiteren notwendigen Schritte ableiten, um den Menschen eine Perspektive zur Verwirklichung ALLER Sustainable Development Goals zu geben. Eine besondere Rolle müssen dabei die Möglichkeiten der Digitalisierung spielen. Denn ein klimaneutrales und zirkuläres System wird wesentlich komplexer sein als unser bisheriges, hauptsächlich auf einmaligen Verbrauch von Ressourcen ausgerichtetes, System. Die Welt, in der wir morgen leben wollen und können, wird, nicht nur beim Thema Klimaschutz, eine Welt sein, in der Energie-, Daten- und Stoffströme systematischer organisiert werden müssen, um die Ziele zu erreichen. 

Ich wage die Prognose, dass die Verfügbarkeit von Technologien und die Komplexität der Systeme nicht die entscheidende Hürde sein werden. Ich sorge mich vielmehr um das Timing und die Fairness im globalen Miteinander. Wir kennen die Prinzipien, die wir brauchen. Wir kennen die Technologien, die wir weiterentwickeln und miteinander verknüpfen müssen. Wir haben sogar eine Vorstellung davon WIE hoch die notwendigen Investitionen sein werden, um zu unseren Zielen zu gelangen. Und dennoch, trotz ALLEN Respekts für das „Paris Agreement“ muss ich feststellen, dass viele wichtige Länder sich in der Regel beim Klimaschutz noch sehr eng entlang der langen Linien ihrer nationalen Interessen bewegen: progressiv da, wo es nicht zu sehr weh tut oder nutzt, defensiv dort, wo es den eigenen kurzfristigen Interessen schaden könnte. Unternehmen brauchen Klarheit über mittelfristige Belastungen, Entlastungen und Investitionsbedingungen. Und sie brauchen Fairness: Die deutsche und europäische Industrie folgt den klimapolitischen Zielen – aber wer garantiert, dass nicht andere Länder unfair spielen und weiter billig und mit niedrigeren Standards Märkte dominieren und Wettbewerb verzerren? Dieses globale Misstrauen, insbesondere unter den G20-Staaten, ist die größte Gefahr für das Gelingen eines globalen Klimaschutzes, aber auch für ALLE anderen SDGs. Und es ist die größte Quelle von Ineffizienz. Ohne eine sichtbare und verlässliche Bewegung hin zu vergleichbaren Ambitionen unter den G20-Staaten wird sehr viel Geld für Carbon-Leakage-Instrumente zur Sicherstellung der Wettbewerbsfähigkeit heimischer Unternehmen nötig sein, das an anderer Stelle für die Entwicklung eines effizienten globalen Systems fehlt. Dieser Teufelskreis ist nur durch eine politisch überzeugende gemeinschaftliche Agenda der wichtigsten G20-Staaten zu durchbrechen. Wenn das nicht gelingt, werden wir weder die enormen ökonomischen Potentiale bei der Beschreitung dieses großen Zukunftspfades erschließen noch die klimapolitischen Ziele erreichen und damit auch an ALLEN anderen SDGs scheitern.

Der Autor

Prof. Dr-Ing. Siegfried Russwurm ist seit dem 1. Januar 2021 Präsident des Bundesverbandes der Deutschen Industrie e.V. (BDI).

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Kommentare

Prof. Russwurm hat recht mit seiner Forderung nach mehr Anstrengungen für Klimaschutz, die einhergehen müssen mit klaren Rahmenbedingungen für alle Unternehmen und alle Bürger. Ohne vergleichbare Ambitionen unter den G20-Staaten werden wir die hochgesteckten klimapolitischen Ziele aber nicht erreichen.

Daher finde ich auch den Ansatz dieses Blogs klasse, Scheuklappen abzubauen und mehr auf - auch kontroversen - Austausch zu setzen.

Schöner Text. Aber wird das reichen?

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Über diesen Blog

Dieser Blog gibt nicht die Sichtweise der Chemie-Industrie wieder: Darum geht es hier gar nicht. Wir wollen auf diesen Seiten voneinander lernen und einander zuhören, offen und mit großem Respekt vor Perspektiven der Anderen. Nur so können wir Wege finden, die Zukunft gemeinsam zu gestalten.

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