Die Wertschöpfungsketten gehören auf den Prüfstand

In Deutschland ist spätestens mit dem Ausbruch der Corona-Pandemie im März 2020 die Pharma-Industrie wieder in den Fokus der breiten Öffentlichkeit gerückt. Unter Hochdruck wurde an der Erforschung des neuartigen Virus und der Entwicklung wirksamer Medikamente und Impfstoffe gearbeitet. Dabei traten leider auch zahlreiche Versäumnisse oder auch Fehlentscheidungen der Vergangenheit zum Vorschein. 

Ein großes Problem, was der Pharmabranche auch heute noch, über ein Jahr nach dem Ausbruch der Pandemie, zu schaffen macht, ist die Verlagerung von Produktionsstandorten ins Ausland. Die Pandemie hat uns vor Augen geführt, wie labil ein System ist, das von offenen Grenzen und grenzüberschreitenden Warentransporten abhängt. Mit einem Schlag waren einige Rohstoffe und Ausgangsmaterialien, aber auch Equipment und Ersatzteile kaum noch verfügbar.
 
Teilweise erschwerten auch Entscheidungen und Beschlüsse im Rahmen der Pandemie der Bundesregierung die tägliche Arbeit. Ein Beispiel dafür ist die Verordnung des Tragens von medizinischen Mund-Nasen-Bedeckung. In der Impfstoffproduktion gehört diese zwar zur Standardschutzausrüstung der täglichen Arbeit, jedoch ist der Verbrauch verhältnismäßig gering. Die Hersteller waren mit den nun aufkommenden Massenbestellungen schlicht überfordert. Es gab auf dem ganzen Markt keine verfügbaren Masken mehr. Dadurch wurde die Produktion gefährdet, und man musste in aller Eile nach Alternativen suchen.

Diese Beispiele lassen Zweifel aufkommen, ob wir mit Blick auf die medizinische Versorgung und damit im Kern auch mit Blick auf das Ziel der Vereinten Nationen, ein gesundes Leben für alle Menschen jeden Alters gewährleisten und ihr Wohlergehen fördern zu wollen, wirklich schon alles getan haben. Wie nachhaltig sind die Wertschöpfungsketten in der Pharma-Branche heute? Wissen wir wirklich, unter welchen sozialen Bedingungen und Beschäftigungsstandards Wirk- und Impfstoffe in Indien, China und anderswo entstehen? Haben sich die Konzerne womöglich zu sehr auf andere verlassen, Produkte und Produktion einfach ziehen lassen? Hauptsache, die Marge stimmt?  Die Wertschöpfungsketten, wollen sie sozial, wirtschaftlich und ökologisch nachhaltig sein und Gesundheitsversorgung jederzeit gewährleisten können, gehören jedenfalls auf den Prüfstand.

Deutschland hat zuletzt kaum noch Impfstoffe produziert – ein großes Manko, wie sich in einer Krisenlage wie der aktuellen schmerzlich zeigte. Jetzt haben wir immerhin gegengesteuert: mit Kooperationen zwischen forschenden und produzierenden Unternehmen, mit breiten Schulungsprogrammen für die Beschäftigten. Ein Kraftakt der Solidarität.
 
Das ist schon deshalb nicht selbstverständlich, weil auch wir massiv den Fachkräftemangel zu spüren bekommen. Das liegt zum Teil daran, dass gut ausgebildete Fachkräfte die freie Wahl haben und sich dann natürlich den Arbeitgeber mit dem besten Angebot aussuchen. Zum anderen aber auch, dass eher handwerkliche beziehungsweise körperlich fordernde Berufe nicht mehr hoch im Kurs stehen. Zudem besteht eine Unsicherheit für die Zukunft, ob sie nun begründet ist oder nicht.
 

Dabei ist es für eine Branche, die Wohlergehen und Gesundheit im Sinne der UN-Nachhaltigkeitsziele gewährleisten muss, zwingend erforderlich, Know-how und hohe Beschäftigungsqualität zu garantieren. Nur: Wie sieht denn das Berufsbild eines Laboranten in Zukunft aus, wenn alles digitalisiert und automatisiert ist? In Gesprächen mit jungen Kolleg*innen kommt immer wieder zum Ausdruck, dass diese Themen in der Ausbildung noch keine große Rolle spielen. Die Debatten um Homeschooling und die desaströse Ausstattung der Schulen und Schüler*innen mit technischem Equipment und Internetzugang hören auch bei den Berufsschulen nicht auf.
 
Engagierte Arbeitgeber versuchen diesen Mangel mit eigenen Mitteln auszugleichen. Aber nicht jeder Arbeitgeber hat diese Finanzkraft, sieht das Problem in seiner Verantwortung oder interessiert sich überhaupt dafür. Und so startet nicht jeder junge Mensch mit den gleichen Chancen in die Ausbildung und das Berufsleben. 
Außerdem muss es Konzepte geben, wie man das Personal auf den Weg der Transformation zur „Smarten Fabrik“ mitnimmt und beteiligt. Weiterbildungen und Entwicklungsmöglichkeiten müssen für den Arbeitgeber verpflichtend sein. Die Mitarbeiter*innen müssen aber auch einen Sinn in ihrer Tätigkeit und einer Weiterentwicklung sehen. Eine Schulung darf dabei nicht zu einer Beschäftigungsmaßnahme verkommen. Und nicht jede*r Mitarbeiter*in ist bereit, den Weg mitzugehen. Auch für diese Kolleginnen und Kollegen muss es Konzepte geben. Eine Entweder-Oder-Lösung ist nicht zielführend, denn dabei geht oft viel, meist praktisches, Wissen verloren. 
 
In Umfragen der Vertrauensleute kommt immer häufiger zur Sprache, dass sich die Mitarbeiter*innen mehr Zeitsouveränität wünschen. Waren es früher eher die älteren Beschäftigten, die gern früher in Rente gehen oder die tägliche Arbeitszeit verkürzen wollten, betrifft es inzwischen immer mehr junge Leute, die auch mit einem finanziellen Ausgleich für Schichtarbeit nur noch schwer zu motivieren sind. Es braucht daher moderne Arbeitszeitmodelle und Wahlmöglichkeiten für jeden Einzelnen, sodass die Arbeitssituation möglichst gut auf die jeweilige Lebenssituation angepasst werden kann. Unerlässlich sind zudem gute betriebliche Gesundheitsmanagement-Systeme und -Angebote, um die Kolleginnen und Kollegen möglichst lang gesund und arbeitsfähig zu erhalten. Um solche Angebote auf die Ansprüche der Mitarbeiter*innen anzupassen und durchzusetzen, bedarf es starker Betriebsräte und Vertrauensleute im Betrieb. Nur wer gesund arbeitet, kann auch Gesundheit „produzieren“. 

Die Autorin

Sandy Richter ist Betriebsratvorsitzende bei dem Biopharma-Unternehmen IDT Biologika, das biotechnologisch hergestellte Impfstoffe und Pharmazeutik entwickelt.

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Über diesen Blog

Dieser Blog gibt nicht die Sichtweise der Chemie-Industrie wieder: Darum geht es hier gar nicht. Wir wollen auf diesen Seiten voneinander lernen und einander zuhören, offen und mit großem Respekt vor Perspektiven der Anderen. Nur so können wir Wege finden, die Zukunft gemeinsam zu gestalten.

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