Mit Kunststoffkreisläufen das Leben unter Wasser schützen

Die Verschmutzung unserer Weltmeere hat in den vergangenen Jahren und Jahrzehnten in einem Ausmaß zugenommen, den man sich in seinen Dimensionen kaum mehr vorstellen kann. Der „Great Pacific Garbage Patch“ hat als größter Müllstrudel der Welt traurige Berühmtheit erreicht. In seiner Dimension dreimal so groß wie Frankreich, besteht er aus ca. 80.000 Tonnen Plastikmüll oder 1,8 Billionen Plastikteilen, was im Durchschnitt 230 Stücken pro Erdbewohner entspricht. Und das Problem wird schlimmer: Studien gehen von Einträgen zwischen 4,8 Millionen und 12,7 Millionen Tonnen Plastikmüll aus – pro Jahr. Tendenz steigend.

Die Vermüllung unserer Ozeane hat erhebliche negative Folgen für die maritime Flora und Fauna. 135.000 Meeressäuger und eine Millionen Meeresvögel verenden durch das Verschlucken und Verhungern mit vollen Mägen oder strangulieren sich beim Versuch, sich von Fischernetzen zu befreien. Auch die bei der Zersetzung frei werdenden gefährlichen Inhaltsstoffe wie Bisphenol A, Phtalate oder Flammschutzmittel reichern sich in der Nahrungskette an und schädigen die Meeresbewohner nachhaltig. Die maritime Biodiversität ist also in höchstem Ausmaß bedroht – ca. 800 Tierarten werden direkt vom Plastikmüll beeinträchtigt.

Die chemische Industrie kann und sollte in Zukunft mit wesentlich größerer Wirkung zur Lösung der Probleme beitragen. Dafür braucht es neben der stark im öffentlichen Fokus stehenden Dekarbonisierung der Industrie (gegen die Erwärmung der Meere) eine wirkliche Rohstoffwende, die nur durch eine weltweit agierende Kreislaufwirtschaft umgesetzt werden kann und die Meeresverschmutzung beendet. Die 3 R’s – Reduce, Reuse, Recycle müssen dabei die operativen Leitlinien der Industrie abbilden.

Wir alle wollen und können auf Kunststoffe nicht generell verzichten. Aber so wie bisher geht es nicht weiter. Wir müssen alles daransetzen, auch und gerade wegen der mit unserer Branche verknüpften Innovationskraft, den Wohlstand unserer Wirtschaft und Gesellschaft mit einem geringeren Materialaufwand zu gewährleisten. Das bedeutet nicht, dass andere häufig klimaschädlicheren Materialien zum Gebrauch kommen müssen, sondern dass Kunststoffe ihre Flexibilität und Vielseitigkeit in vollem Maße im Sinne der Umwelt ausschöpfen, möglichst lange genutzt werden, in neuen Anwendungen wiedergenutzt werden und am Ende ihrer Nutzung durch global flächendeckende Entsorgungssysteme erfasst und hochwertig zu Sekundärrohstoffen recycelt werden. Durch diese Systeme muss es gelingen, die globalen Recyclingquoten steil nach oben zu treiben. Das ist bitter nötig: Laut Ellen MacArthur Foundation werden 40 Prozent der weltweit produzierten Verpackungsmaterialen deponiert, 32 Prozent gelangen direkt in die Umwelt und weitere 14 Prozent werden verbrannt. Es verbleiben 14 Prozent Abfälle, die dem Recycling zugeführt werden und die wegen ihrer schlechten Qualität teils weiter aussortiert werden müssen, so dass der globale Kunststoffbedarf nur zu fünf Prozent durch Recyclingrohstoffe gedeckt wird.

Die chemische Industrie kann zu Beginn der Wertschöpfungskette erheblich dazu beitragen, dass Kunststoffe kreislauffähig werden: Wir brauchen zwar vielseitige Anwendungen, aber weniger Kunststoffvielfalt und die Konzentration auf wenige Hauptkunststoffarten und die bessere Erforschung von Additiven, welche Kreisläufe nicht verhindern, sondern unterstützen. Diese könnten beispielsweise zum Auswaschen der Farben im Recyclingprozess beitragen und helfen Geruchsentwicklungen im Plastikmüll zu vermeiden. Wir brauchen wesentlich mehr Transparenz über die Zusammensetzung von Kunststoffen, insbesondere, wenn es um besorgniserregende Stoffe geht. Diese müssen mit der gesamten Wertschöpfungskette geteilt werden. Gleichzeitig muss das Präventionsprinzip voll zum Tragen kommen, so dass bedenkliche Stoffe von Anfang gar nicht erst genutzt werden und in der späteren Phase das Recycling quasi verbietet.

Aufgrund des globalen Ausmaßes der Müllverschmutzung begrüßen wir das kürzlich ins Leben gerufene UNO-Umweltabkommen zu Plastikmüll, welches globale Kunststoffkreisläufe nun zügig zur Entfaltung bringen muss. Dabei wird es auch um Fragen der (globalen) Herstellerverantwortung gehen müssen: Wie müssen Inverkehrbringer an den Kosten der Plastikverschmutzung beteiligt werden? Dürfen in Zukunft nicht-recyclingfähige Kunststoffe überhaupt noch in Verkehr gebracht werden? Wie können Produktverantwortungssysteme in den Haupteintragsländern von Plastikmüll gestaltet und finanziert werden?

Es sind unbequeme Fragen, denen wir alle uns stellen müssen. Aber sie sollten gestellt werden. Unsere Recyclingbranche steht hier für den konstruktiven Dialog mit den Vertretern der chemischen Industrie bereit, um gemeinsam die Herausforderungen nachhaltiger Entwicklung zu meistern. Probleme, die wir alle geschaffen haben, sollten wir auch gemeinsam zu lösen in der Lage sein.

 

Der Autor

Peter Kurth ist Geschäftsführender Präsident des BDE Bundesverband der Deutschen Entsorgungs-, Wasser und Rohstoffwirtschaft e.V. Der Jurist arbeitet seit 2001 in der Entsorgungswirtschaft, zunächst als Vorstandsmitglied bei der ALBA AG und seit 2009 in der BDE-Führung.

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Über diesen Blog

Dieser Blog gibt nicht die Sichtweise der Chemie-Industrie wieder: Darum geht es hier gar nicht. Wir wollen auf diesen Seiten voneinander lernen und einander zuhören, offen und mit großem Respekt vor Perspektiven der Anderen. Nur so können wir Wege finden, die Zukunft gemeinsam zu gestalten.

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