Jeder Tropfen zählt: Chemie kann die Ressource Wasser sichern

Prozessoptimierung. Wie kleinteilig das klingt. Geht es angesichts des Klimawandels nicht um viel mehr? Die Rettung unserer Erde bei einer zugleich dramatisch veränderten sicherheitspolitischen Risikolage: das sind die großen Herausforderungen unseres Zeitalters. Verdrängen, Verschieben, Wegdiskutieren: das verbietet sich. Manche Kritiker werfen der Chemieindustrie vor, sie beharre auf alten Geschäftsmodellen, stehe mit ihrer so branchentypischen – eben auch auf Prozessoptimierung ausgerichteten – Detailversessenheit dem dringend nötigen gesellschaftlichen Umbau hin zum nachhaltigen Wirtschaften im Wege. Das Gegenteil ist richtig.

Der Chemie- und Pharmasektor gehört zu den größten Arbeitgebern und daraus erwächst – gerade in so polarisierten Zeiten – eine ganzheitliche gesellschaftspolitische Verantwortung. In der Europäischen Union schafft die chemisch-pharmazeutische Industrie sichere Arbeit für 1,2 Millionen, allein in Deutschland für mehr als 470.000 Menschen. Hierzulande ist die Soziale Marktwirtschaft mit ihrer bewährten Zusammenarbeit von Politik, Wirtschaft und Gewerkschaft der Erfolgsgarant für Wachstum und Beschäftigung. Die grüne Transformation unserer Volkswirtschaft kann allerdings nur gelingen, wenn Politik, Wirtschaft und Gewerkschaft sich über den Weg einig sind. Wenn die drei Dimensionen nachhaltiger Entwicklung – mit dem Ziel ökonomischer, ökologischer und sozialer Balance – in allen Entscheidungsprozessen gleichberechtigt betrachtet werden. Damit dieses deutsche Modell ein wichtiger Stabilitätsfaktor innerhalb der Europäischen Union bleibt.

Die Märkte unserer Zukunft sind klimaneutral. Und Chemie steckt in jeder Wertschöpfungskette. Ohne Chemie dreht sich kein Windrad, gibt es keine Batteriespeicher, keinen Leichtbau, keine Elektroautos. Solchen Fortschritt gibt es nicht von heute auf morgen. Bereits vor vielen Jahren hat die Branche in genau diesen Bereichen investiert. Von der Forschung über kleinstteilige Testreihen in unzähligen Laboren bis hin zur Marktreife, so dass Deutschland in vielen Nachhaltigkeitsthemen heute weltweit spitze ist. Und wir denken längst weiter, setzen auf Technologien wie die klimaneutrale Wasserstofferzeugung, das chemische Recycling und neue Methoden der Biotechnologie. Um den Standort Deutschland für uns alle zu stärken, brauchen wir innovationsfreundlichere Rahmenbedingungen. Denn es ist die hochinnovative Chemieindustrie, die „klimaneutral“ erst möglich macht.

Aus buchstäblich jedem Lebensbereich ließen sich Beispiele wegweisender und langfristig erarbeiteter Innovationen der Chemie für aktiven Klimaschutz anführen. An dieser Stelle blicken wir auf die wichtigste Ressource: Wasser. Elementar und lebenswichtig. Mit dem sich verschärfenden Klimawandel lieferten uns über Jahre Fernsehen und Soziale Medien immer mehr Bilder von dramatischen Überschwemmungen und gefährlicher Trockenheit aus anderen Weltregionen in unsere Wohnzimmer. Inzwischen sind solche Katastrophen auch in Deutschland traurige Realität. Dabei wurde Wasser hierzulande viel zu lange als alltäglich und selbstverständlich betrachtet. Es wurde verschmutzt, verschwendet und vernachlässigt, mit erheblichen Folgen für Mensch und Umwelt. Wir müssen Wasser endlich wieder als kostbare Ressource begreifen, mit der so schonend und intelligent wie möglich umgegangen werden muss.

Eine gute Wasserversorgung ist für jede Chemieanlage eine äußerst wichtige Voraussetzung für die Produktion. Wir bei Evonik setzen Wasser vor allem zu Kühlzwecken, als Prozesswasser in der Produktion und zur Dampferzeugung in Kraftwerken ein. Dabei verwenden wir es möglichst sparsam und arbeiten daran, unsere Emissionen in Gewässer ständig zu verringern. Die konzernweite Wasserstressanalyse gehört dazu.

Dabei beziehen wir die regional unterschiedliche Verfügbarkeit von Wasser in unsere Betrachtungen ein und tragen so auch den sich abzeichnenden klimatischen Veränderungen und Entwicklungen an unseren Standorten Rechnung.

Wenn unsere chemischen Produkte dann die Werkstore verlassen, helfen sie unseren Kunden mit ihrem Beitrag zum Klimaschutz: So sind etwa Wasch-, Reinigungs- und Desinfektionsmittel inzwischen vollständig biologisch abbaubar und besitzen ein sehr gutes ökologisches Profil. Bei der Bekämpfung von Keimen in Abwässern spielen Wasserstoffperoxid und Peressigsäure als umweltfreundliche Alternativen eine immer bedeutendere Rolle. Werden sie eingesetzt, entstehen als Nebenprodukte lediglich Wasser und biologisch gut abbaubare Essigsäure.

Die Wirkkraft einer ganzheitlich gedachten Chemie illustrieren zwei Beispiele aus der Ernährungsindustrie. Auch hier geht es um den schonenden Umgang mit der Ressource Wasser. Europas Verbraucherinnen und Verbraucher sind zurückhaltender beim Fleischkonsum geworden. Das ist ein typisches Merkmal gesellschaftspolitischer Veränderungen in postmodernen, wohlhabenderen Industrieländern. Doch im Laufe der nächsten Jahrzehnte werden insbesondere in den Schwellenländern im globalen Süden Geburtenraten und Lebenserwartung steigen und damit auch die Nachfrage nach Fleisch und Fisch als lebenswichtiger Proteinquelle. Ökologisch birgt das große Gefahren. Mag bei uns in der EU Konsumkritik politisch korrekt sein, andernorts erschiene sie postkolonial. Wer glaubt, wir könnten anderen Gesellschaften vorschreiben, wie und was sie zu konsumieren haben, der irrt. Wir können nur mit gutem Beispiel vorangehen. Daher nehmen wir zum Schutz der Gewässer unseres Planeten die Tierernährung in den Fokus, sowohl in der Landwirtschaft als auch in Aquakulturen.

Beispiel Landwirtschaft: Wir können dazu beitragen, durch nachhaltige Futtermittelformulierungen in der Tierhaltung sowohl das Grundwasser als auch die Atmosphäre vor einem zu großen Stickstoffüberschuss zu schützen. Durch den konsequenten Einsatz von Aminosäuren in der Tierernährung ist es möglich, den Proteingehalt des Futters zu senken und damit den Ausstoß reaktiven Stickstoffs. So wird in der Landwirtschaft weniger Wasser verbraucht. Und der Nitratausstoß sinkt obendrein. Das ist ein signifikanter Hebel zur ressourcenschonenden Ernährungssicherung bei steigender Weltbevölkerung.

Beispiel Aquakultur: Weltweit steigt seit Jahren die Nachfrage nach Garnelen und Lachs. Auf den Tellern der Konsumenten landen meist Zuchttiere. Für deren Ernährung in den Aquafarmen sind riesige Mengen Fischmehl und Fischöl nötig, gewonnen aus Wildfang – eine der Hauptursachen für die Überfischung der Ozeane. Auch hier arbeiten wir an Lösungen. Gemeinsam mit dem niederländischen Partner DSM etwa hat Evonik ein spezielles Algenöl entwickelt, das es ermöglicht, Garnelen und Lachse fast ohne Fischöl zu füttern. Eine Tonne dieses Algenöls ersetzt bis zu sechzig Tonnen Wildfangfischs. Das trägt zum Schutz der marinen Fischbestände und zum Erhalt der marinen Artenvielfalt bei.

Das sind nur wenige von unzähligen Beispielen für neue Geschäftsmodelle, für die Innovationskraft und Prozessoptimierung in der chemischen Industrie. Nachhaltigkeit ist Wachstumstreiber, sie ist kein Kann mehr, sondern ein Muss. Nachhaltiges Wirtschaften heißt für uns, dass in der gesamten Wertschöpfungskette das Verbessern an oberster Stelle steht. Dass wir die großen Zusammenhänge längst erkannt haben und uns Schritt für Schritt aus der Abhängigkeit von fossiler Energie lösen müssen bei gleichzeitig verantwortungsvollem Umgang mit der Ressource Wasser. Das gelingt nur mit der Chemie als Schlüsselindustrie, die die mit Abstand vielversprechendsten Lösungen im Kampf gegen die Erderwärmung bietet. Und das heißt ganz ohne Pathos: Prozessoptimierung ist überlebenswichtig.

Der Autor

Thomas Wessel ist seit September 2011 Personalvorstand und Arbeitsdirektor bei Evonik Industries AG sowie Vorstandsvorsitzender des Landesverbandes Nordrhein-Westfalen im Verband der Chemischen Industrie e.V.

Mehr erfahren

Kommentare

Frau Bundesministerin Svenja Schulze beschreibt das Ziel der sozial-ökologischen Industriestrategie und weist darauf hin, „dass echte Nachhaltigkeit immer umfassend gedacht werden muss“. Der Industrieverband Körperpflege- und Waschmittel e. V. (IKW) und seine Mitgliedsfirmen begrüßen diesen Ansatz und setzen sich schon seit Jahrzehnten umfassend für die drei Dimensionen der Nachhaltigkeit ein: Die soziale und die ökologische Dimension der Nachhaltigkeit sind immer auch mit der ökonomischen verknüpft. Dies gilt für die Industrie ebenso wie für private Haushalte, wo zum Beispiel Wäschetrocknen im Freien sowohl den Energiebedarf als auch die Kosten deutlich senkt. Einigen Menschen steht aber kein Trockenplatz im Freien zur Verfügung, einige haben nicht genügend Zeit für diese umweltschonende Trockenart oder sind körperlich nicht in der Lage, schwere Körbe mit feuchter Wäsche ins Freie zu tragen. So kommt es immer zu einer Abwägung zwischen Möglichkeiten und Notwendigkeiten.

In der 10. Ausgabe des Berichts zur Nachhaltigkeit der Wasch-, Pflege- und Reinigungsmittelbranche bildet der IKW die drei Dimensionen der Nachhaltigkeit beispielhaft an branchenspezifischen Themen ab, wie Anteil von Frauen in Führungspositionen, Lieferkettenmanagement, CSR-Aktivitäten, Inhaltsstoffmengen, Waschmittelverbrauch pro Kopf in Deutschland, Umsatz mit Wasch- und Reinigungsmitteln und durchschnittliche Arbeitszeit die benötigt wird, um einen Jahresbedarf an Waschmitteln erwerben zu können: https://www.ikw.org/fileadmin/ikw/downloads/Haushaltspflege/2021_IKW_Nachhaltigkeitsbericht.pdf

Kritik und Verbesserungsvorschläge zur Ausgabe 2021 des IKW-Berichts können über die folgende Online-Umfrage anonym weitergeleitet werden: https://www.umfrageonline.com/s/NB2021_IKW

Lesen Sie bitte auch unsere Regeln für Kommentare.

Über diesen Blog

Dieser Blog gibt nicht die Sichtweise der Chemie-Industrie wieder: Darum geht es hier gar nicht. Wir wollen auf diesen Seiten voneinander lernen und einander zuhören, offen und mit großem Respekt vor Perspektiven der Anderen. Nur so können wir Wege finden, die Zukunft gemeinsam zu gestalten.

Mehr erfahren