Im Kreislauf denken – ökologisch, ökonomisch, sozial

Leben unter Wasser ist eines der Nachhaltigkeitsziele der Vereinten Nationen. Das Leben unter Wasser leidet unter den Folgen der Zivilisation, unter der weltweiten wirtschaftlichen Entwicklung, die ja eigentlich gewollt und gut für die Menschen sein sollte. Ist sie ja auch. Aber es gibt Begleiterscheinungen, die nicht akzeptabel sind. Dazu zählt unter anderem Plastikmüll in den Weltmeeren. Offenbar wird Plastikmüll in großen Mengen über Flüsse, vor allem in Afrika und Asien, ins Meer gespült. Das ist kein Vorwurf, das ist eine Beobachtung, das Ergebnis von Untersuchungen. Größere Plastikteile bedrohen Lebewesen direkt, kleinere Teile oder Mikroplastik können über die Nahrungskette zurück zum Menschen gelangen.

Polymere gibt es bereits in der Natur in großer Menge und Vielfalt. Es liegt in der Natur der Sache, dass sie biologisch abbaubar sind. Kunststoffe im engeren Sinne sind eine Erfindung der chemischen Industrie. Es gibt neuerdings auch biologisch abbaubare Kunststoffe für spezielle Anwendungen, aber die meisten sind aufgrund ihres Anwendungsspektrums über Jahrzehnte haltbar. Bevor man Kunststoffe schlechtredet und in ihnen das Übel sieht, sollte man sich ihre Vorzüge bewusst machen: Verpackungen aus Kunststoffen tragen wesentlich zu hygienischen und haltbaren Lebensmitteln bei. Aus der Medizin, insbesondere für die breite Masse der Menschen, sind sie nicht wegzudenken. In der Technik erlauben sie Lösungen, die mit anderen Materialien wesentlich schwieriger zu realisieren oder deutlich teurer wären. Im Automobilbau machen Kunststoffe Autos leichter und senken damit den Energiebedarf, egal ob Verbrenner oder Stromer.

Als Folge des breiten Einsatzspektrums von Kunststoffen – man könnte fast sagen: als Beleg für ihren Erfolg - findet man sie praktisch überall, eben auch dort, wo sie nicht hingehören, in der Umwelt im Allgemeinen, in den Weltmeeren im Besonderen.
Wenn man das verhindern will, könnte man auf die Idee kommen, Kunststoffe zu verbieten. Das würde aber spürbare Rückschritte für die Menschen bedeuten, teils größere Gesundheitsrisiken, teils soziale Härten, weil kostengünstige Gebrauchsprodukte nicht mehr zur Verfügung stehen würden. Eine andere Möglichkeit wäre die Wiederverwertung, die Weiterentwicklung der Kreislaufwirtschaft bei Kunststoffen.
Bei Metallen gibt es das schon lange. Vor den Stahlwerken stehen mitunter lange Eisenbahnzüge, beladen mit Schrott, der für die Herstellung neuen Stahls dem Eisenerz im Hochofen beigegeben wird. Kunststoffe sind chemisch gesehen feste Kohlenwasserstoffe, einige enthalten funktionale Gruppen mit Sauerstoff oder Stickstoff. Somit sind es Wertstoffe. Das Bild vom Plastikmüll in der Umwelt erweckt hingegen eher den Eindruck, es handele sich um etwas Wertloses, ja sogar Schädliches.

Die BASF in Ludwigshafen hat nicht nur Know-how in der Herstellung von Kunststoffen, sondern auch in verschiedenen Ansätzen der Wiederverwertung. Aktuell wird ein Projekt zur stofflichen Verwertung favorisiert. Das bedeutet, aus dem Kunststoffmüll kann durch stoffliche Umsetzung etwa ein Öl gewonnen werden, aus dem im Chemieverbund neue Produkte herstellt werden können, und zwar ohne Einschränkungen in der Qualität. Das wäre die technische Seite einer möglichen Lösung.

Was fehlt, sind weitergehende Ansätze zum Einsammeln von gebrauchten Kunststoffen mit der entsprechenden Logistik und Infrastruktur. In Deutschland haben wir den gelben Sack und die damit verbundene Entsorgung. Anderswo in der Welt gibt es so etwas noch gar nicht. Die BASF ist der Allianz gegen Plastikmüll in der Umwelt beigetreten. Bei dieser Allianz wird es darum gehen, Ansätze für den Aufbau einer solchen Infrastruktur voranzubringen. Damit soll die logistische und infrastrukturelle Seite des Problems angegangen werden.

Aus gewerkschaftlicher Sicht gilt es, einen mutigen Schritt weiter zu gehen: Kreislaufwirtschaft bedeutet Wertschöpfung über alle Einzelschritte in der jeweiligen Prozesskette hinweg! Die Gewinnung von Rohstoffen in Bergwerken gehört ebenso dazu wie das Einsammeln von Reststoffen, die Müllverwertung, ebenso die stoffliche Umwandlung in den Fabriken der chemischen Industrie. Die gesamte Prozesskette wird von Menschen betrieben, die an der Wertschöpfung angemessen teilhaben müssen. Arbeit unter menschenunwürdigen Bedingungen darf keine Zukunft haben. Die Zukunft bedeutet vielmehr: Menschen, die an der Wertschöpfung einer Kreislaufwirtschaft teilhaben, sind wie ein Motor, der diese Art des nachhaltigen Wirtschaftens antreiben wird.

Dass das keine Utopie ist, hat die BASF 1865 gezeigt: Die Gründungsidee baute damals auf Steinkohlenteer auf, eigentlich ein Abfallprodukt der Leuchtgasherstellung bei der Verkokung von Steinkohle. Die BASF stellte daraus mit großem Erfolg Farbstoffe her. Die Rohstoffbasis veränderte sich, die Produktpalette auch, aber der Verbund setzt bis heute auf vernetzte Produktion, bei der Nebenprodukte wertschöpfend weiterverarbeitet werden.

 

Der Autor

Sinischa Horvat ist Vorsitzender des Betriebsrats der BASF SE in Ludwigshafen, des Konzernbetriebsrats und des BASF Europa Betriebsrats sowie stellvertretender Vorsitzender des Aufsichtsrats der BASF SE.

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