Lieferkettengesetz: Unternehmen sollen retten, wo Politik kapituliert

Wäre das Lieferkettengesetz ein Vakzin, man müsste die Wirksamkeit deutlich hinterfragen.

Denn die Nebenwirkungen dieses Gesetzes übersteigen den ungewissen Nutzen bei Weitem. In der oftmals emotional geführten Debatte über die Berücksichtigung der Menschenrechte in der Lieferkette werden immer wieder Einzelfälle in Branchen wie der Textilindustrie in Bangladesch, im Lebensmittelbereich der Kakaoanbau in Ghana und in der Rohstoffgewinnung der Erzabbau im Kongo angeführt. In der Tat ist der Arbeitsschutz in diesen Bereichen häufig problematisch. Wegen Problemen in einigen Branchen jedoch alle Unternehmen unter Generalverdacht zu stellen und mit einer höchst bürokratischen Regelung zu überziehen, ist insbesondere für den Mittelstand der falsche erste Schritt.

Vielmehr ist sich die chemische Industrie schon seit langem ihrer Verantwortung bewusst und taugt nicht für eine pauschale Vorverurteilung. Zahlreiche Brancheninitiativen unterstreichen das Engagement der Unternehmen. Dort, wo Einwirkungsmöglichkeiten bestehen, nehmen wir die Verantwortung in der Lieferkette intensiv wahr. Jedoch kann insbesondere für ein Hightech Unternehmen wie DELO nicht unterstellt werden, dass alle erforderlichen Rohstoffe der Welt beliebig auch woanders gekauft werden können: Das wäre falsch! Insbesondere gilt dies etwa bei Seltenen Erden für Elektronikbauteile oder innovative Neuentwicklungen für die Spezialchemie. Zum anderen wird suggeriert, Unternehmen könnten Menschenrechte exterritorial durchsetzen und damit erreichen, was selbst die Regierungen der einflussreichsten und angesehensten Länder der Welt inklusive der ganzen EU offensichtlich nicht schaffen: Auch das ist falsch!

Indirekt oder direkt – betroffen in jedem Fall

Spielen wir es mal konkret durch: DELO als typischer „Hidden Champion“ entwickelt Hightech-Klebstoffe vornehmlich für die Elektronikindustrie und erwirtschaftet einen Umsatz von 170 Millionen Euro. Mit 800 Mitarbeitern betrifft uns das Gesetz vorerst „indirekt“ – und doch sind wir direkt vom Aufwand betroffen. Denn bevor wir den Anwendungsbereich mit 1.000 Beschäftigten erreichen, sind wir mit den „Code of Conduct“-Regelungen unserer großen Kunden rechtlich mitverhaftet.

3.000 Firmen weltweit sind bei uns als unmittelbare Lieferanten gelistet. Auch wenn der Gesetzgeber bewusst nur schwammige Aussagen trifft, welche Aufgaben das Gesetz den Unternehmen hinsichtlich der Risikoanalyse genau vorschreibt, ist zu erwarten, dass jeder Lieferant einzeln betrachtet werden muss. Sofern man sich mit jedem Zulieferer im Minimum eine Stunde jährlich beschäftigt, benötigt man allein hierzu mindestens zwei Fachkräfte – Vollzeit. Die EU-Kommission schätzt, dass Unternehmen etwa 0,01% des Umsatzes für das Lieferkettengesetz aufwenden müssen – in unserem Fall 17.000 Euro. Rechnen wir allein für die beiden Vollzeitkräfte mit Kosten von etwa 50.000 Euro pro Person, würde die Schätzung der EU nur einen Bruchteil unseres tatsächlichen Erfüllungsaufwands abdecken.

Man muss zudem wissen, dass die Einkaufsvolumen von DELO zum Teil extrem gering sind. Beim kleinsten Fünftel unserer aktiven Lieferanten kaufen wir für 60.000 Euro ein – insgesamt, nicht pro Zulieferer. Da das Gesetz auf eine Bagatellklausel verzichtet, die den Anwendungsbereich auf wesentliche Zulieferer begrenzen würde, stehen ein paar hundert Euro Einkaufswert immensem bürokratischen und finanziellen Aufwand von mehreren tausend Euro für Risikoanalyse und -management gegenüber. Und die Risikoanalysen gelten sogar für Lieferungen aus sicheren Ländern, wie Lieferungen innerhalb Deutschlands oder innerhalb der EU: hier muss dringend nachgebessert werden.

Nun sollte man nicht den Fehler begehen und denken, man könne auch mit weniger Zulieferern auskommen. Das wäre schön, aber tatsächlich sind viele Zulieferer sehr spezialisiert und für uns unverzichtbar: So stellt weltweit nur ein einziger Zulieferer einen bestimmten Spezialrohstoff her, von dem wir gerade mal 23 Kilo im Jahr benötigen. Gleichzeitig ist dieser Rohstoff ein unverzichtbarer Bestandteil in Produkten, mit denen wir insgesamt 18 Millionen Euro Umsatz erzielen.

Ohne diesen Lieferanten würden wir zahlreiche Arbeitsplätze gefährden. Das trifft auch auf viele andere Rohstoffe zu: Für 20% gibt es keine alternativen Zulieferer. Gleichzeitig sind wir für viele Lieferanten zu klein, sodass sie uns keine tiefergehenden Einblicke in ihre Produktionsabläufe gewähren und auch Audits verweigern. In Berlin mag man sich das nicht vorstellen können, aber in unserer Einkaufsabteilung stapeln sich solche Auditabsagen. Kleine Umsätze tragen keine Audits.

Und wenn es uns aufgrund kleiner Bestellmengen bereits bei einigen direkten Zulieferern schwerfällt, Prüfungen durchzuführen, wie stellt sich der Gesetzgeber dann die Einflussnahme auf weitere Vorstufen in der Lieferkette vor? Um ein Beispiel zu geben: Metallische Füllstoffe sorgen dafür, dass Klebstoffe Strom elektrisch leiten. Wir kaufen diese Spezial-Füllstoffe bei einem Distributor in Deutschland (Stufe 1), hergestellt werden sie in Japan (Stufe 2). In der Lieferkette davor kommen Rohstoffhändler und Schmelzbetriebe, der eigentliche Mineralienabbau ist mindestens Stufe 5, eventuell sogar Stufe 6 oder 7. Was sollte den japanischen Sublieferanten dazu bewegen, uns zu verraten, ob der Abbau in Russland, in Kanada oder in Afrika erfolgt – ganz zu schweigen davon, ob dabei die Menschenrechte eingehalten werden? Vermutlich weiß er es selbst nicht. Es ist praxisfern, dem Deutschen Mittelstand hier ernsthaft Einflussmöglichkeiten zu unterstellen. Dies muss bei der Ausgestaltung und weiteren Konkretisierung der nationalen und europäischen Regelung dringend berücksichtigt werden.

Globalisierung ist fair betrieben ein Stück Entwicklungshilfe

Da es nicht in das Ausbeutungs-Narrativ einzelner Aktivisten passt, ignorieren sie bewusst, welche großen Fortschritte in den Entwicklungsländern in den letzten 30 Jahren erreicht wurden. Trotz stark wachsender Weltbevölkerung ist die Anzahl der Menschen in extremer Armut von 1,9 Milliarden (1990) auf 650 Millionen (2018) gefallen. Natürlich müssen wir alle daran arbeiten, diese Zahl noch weiter zu senken. Hierzu trägt die Globalisierung bei und ist fair betrieben ein Stück Entwicklungshilfe.

Die Autorin

Sabine Herold ist Geschäftsführende Gesellschafterin von DELO Industrie Klebstoffe, einem führenden Hersteller von Hightech-Klebstoffen und anderen multifunktionalen Materialien sowie dazugehörigen Dosier- und Aushärtungsgeräten. Sie engagiert sich ehrenamtlich in zahlreichen Gremien, u.a. in den Präsidien von BDI und VCI.

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Über diesen Blog

Dieser Blog gibt nicht die Sichtweise der Chemie-Industrie wieder: Darum geht es hier gar nicht. Wir wollen auf diesen Seiten voneinander lernen und einander zuhören, offen und mit großem Respekt vor Perspektiven der Anderen. Nur so können wir Wege finden, die Zukunft gemeinsam zu gestalten.

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