von Prof. (ETHZ) Dr. Gerald Haug, Präsident der Nationalen Akademie der Wissenschaften Leopoldina

Die COVID-19-Pandemie scheint die durch menschliche Aktivitäten verursachten Umwelt- und Klimaauswirkungen nur vorübergehend verlangsamt zu haben. Die Kohlendioxid-Emissionen verdeutlichen dies besonders gut: Trotz eines starken Rückgangs zu Beginn des Jahres 2020 stiegen die globalen CO2-Emissionen in der zweiten Jahreshälfte wieder deutlich an; über das Jahr blieb es lediglich bei einem Minus von 6,4 % oder 2,3 Milliarden Tonnen1. Das ist zwar immer noch mehr als der dreifache Jahresausstoß Deutschlands  (739 Millionen Tonnen in 2020), reicht aber bei weitem nicht aus um die globale Erwärmung auf deutlich unter 2°C gegenüber dem Niveau vor Beginn der Industrialisierung zu begrenzen. Anders gesagt: Selbst in einer bislang nicht für möglich gehaltenen Situation des wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Stillstands – mit geschlossenen Fabriken, weniger Autos auf den Straßen und mehr Flugzeugen am Boden als in der Luft – verfehlen wir unsere Klimaziele.

Wir stehen also vor einem grundsätzlichen Problem. Ein „Weiter so“ kann es angesichts der dramatischen Übernutzung natürlicher Ressourcen und der globalen Klima- und Biodiversitätskrise nicht geben. Aus diesem Grund hat sich die Leopoldina in ihrer 3. Ad-Hoc Stellungnahme zur COVID-19-Pandemie nachdrücklich für eine Wirtschaftsweise ausgesprochen, die sich stärker als je zuvor an den Prinzipien von ökologischer und sozialer Nachhaltigkeit, Zukunftsverträglichkeit und Resilienzgewinnung orientiert.2

Das gilt für die Transformation in Deutschland, aber auch bei der Umsetzung des Green Deal der Europäischen Union und der Nachhaltigkeitsziele der Vereinten Nationen (SDGs).

 

Ein zentrales Element einer solchen Transformation kann der Aufbau einer nachhaltigen Kreislaufwirtschaft sein, die sowohl die Stoff- als auch die Energiekreisläufe schließt, in Verbindung mit der schnellstmöglichen Erreichung von Netto-Null-Treibhausgasemissionen. Welche Ansätze und Herausforderungen es hierbei gibt, hat die Leopoldina gemeinsam mit den Wissenschaftsakademien der G7- und G20-Staaten untersucht und gemeinsame Empfehlungen vorgelegt.3

Der Ausgangspunkt zum Verständnis der Kreislaufwirtschaft ist dabei so einfach wie radikal. Im Gegensatz zum derzeit vorherrschenden linearen Wegwerfmodell („take, make, and dispose“) sind in einer Kreislaufwirtschaft ganze Produktions- und Wirtschaftssysteme in Form von geschlossenen Kreisläufen organisiert („reduce, reuse, and recycle“). So können über die Gewinnung, die Verteilung, den Verbrauch, die Entsorgung und die Wiederverwertung natürlicher Ressourcen Energie- und Materialverluste weitestgehend ausgeschlossen werden – Müll und Emissionen entstehen erst gar nicht, denn der Abfall des einen ist gleichzeitig Rohstoff des anderen.

Dies mag im Kleinen bereits gelingen, auf globaler Ebene stellen allerdings technologische Herausforderungen sowie fehlende regulatorische und wirtschaftliche Anreize eine Hürde für den schnellen Übergang zu einer Kreislaufwirtschaft dar. Diese gilt es entlang der gesamten Wertschöpfungskette abzubauen, insbesondere in Schlüsselbranchen wie der Agrarwirtschaft, dem Bauwesen, der Chemie- und Rohstoffwirtschaft, bei Dienstleistungen und im Energiesektor sowie in Industrie und Produktion. Ebenso notwendig sind Anreize für die Forschung, Entwicklung und Verwendung innovativer Technologien bei Design, Produktion und Vertrieb sowie Nutzung und Wiedereinbringen der Rohstoffe in den Stoffkreislauf. So kann die Effizienz, Resilienz und Kreislaufnutzung natürlicher Ressourcen deutlich verbessert und sogar Arbeitsplätze geschaffen werden. Zusätzlich ist die Förderung eines verantwortungsvollen und ressourcenschonenden Konsums auf Seiten der Verbraucherinnen und Verbraucher wichtig. Dieser Fortschritt in Richtung Zirkularität muss über standardisierte Indikatoren messbar sein, um gesetzte Ziele regelmäßig zu überprüfen und bei Bedarf gegensteuern zu können.

Einen wichtigen Beitrag zur Erreichung der Klimaziele kann die Etablierung einer Kohlenstoff-Kreislaufwirtschaft leisten. Weltweit werden Strom, Wärme, Treibstoff und Chemikalien noch immer überwiegend auf Basis fossiler Rohstoffe – Kohle, Gas, Erdöl – und in linearer Produktion hergestellt. Dies führt zur massiven Freisetzung von CO2 in die Atmosphäre, der Haupttreiber für die globale Erwärmung. Wenn es in der Breite gelänge, das ausgestoßene CO2 als Kohlenstoffquelle in einem Kreislaufsystem effektiv zu nutzen, wären wir einen ganzen Schritt weiter. Entsprechende Technologien müssen hierzu weiterentwickelt und weltweit zur Anwendung gebracht werden.

Doch nur in Kombination mit weiteren Ansätzen zur schnellen Reduzierung von Treibhausgasemissionen kann die Bekämpfung des Klimawandels gelingen. Dies erfordert einen stärkeren und weltweiten Ausbau erneuerbarer Energien mit dem Ziel einer klimaneutralen Energieversorgung und den sofortigen Einsatz von bereits verfügbaren emissionsarmen oder emissionsfreien Technologien. Ein besonders wirksamer Hebel, um die Abhängigkeit von fossilen Brennstoffen zu verringern, sind marktbasierte Ansätze wie die Einführung einer einheitlichen und sektorübergreifenden CO2-Bepreisung. Auch bedarf es mehr Forschung und Innovation insbesondere dort, wo sich eine Dekarbonisierung bislang als besonders schwierig herausstellt. Insgesamt gibt es noch immer einen Mangel an wirtschaftlichen und regulatorischen Anreizen für einen nachhaltigen Wandel zu Netto-Null-Treibhausgasemissionen. Solche Veränderungen sind für die Erreichung der Klimaziele und der SDGs aber von zentraler Bedeutung und sollten schnellstmöglich angegangen werden.

1 Tollefson, J., COVID curbed carbon emissions in 2020 — but not by much, Nature 589, 343 (2021), https://doi.org/10.1038/d41586-021-00090-3

Coronavirus-Pandemie – Die Krise nachhaltig überwinden, 3. Ad-hoc-Stellungnahme zur Coronavirus-Pandemie der Nationalen Akademie der Wissenschaften Leopoldina (2020), https://www.leopoldina.org/uploads/tx_leopublication/2020_04_13_Coronavirus-Pandemie-Die_Krise_nachhaltig_%C3%BCberwinden_final.pdf

Die folgenden Ausführungen basieren auf den Empfehlungen der G20-Stellungnahme „Foresight: Science for Navigating Critical Transitions“ (2020) und der G7-Stellungnahme „A net zero climate-resilient future – science, technology and the solutions for change“ (2021), abrufbar auf der Website der Leopoldina unter https://www.leopoldina.org/international/g7-und-g20-politikberatung/

Der Autor

Gerald Haug ist Klimaforscher, Geologe und Paläo-Ozeanograph. Der Direktor am Max-Planck-Institut für Chemie in Mainz und Professor an der Eidgenössisch-Technischen Hochschule (ETH) Zürich ist seit März 2020 Präsident der Nationalen Akademie der Wissenschaften Leopoldina.

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