Die beste Hilfe gegen Armut: Verantwortlich leben und sozial handeln!

Die Armen leiden immer am meisten unter Katastrophen. Das zeigt der Bericht 2020 der Vereinten Nationen zur nachhaltigen Entwicklung. Demnach steigt seit Beginn der Covid-19-Krise erstmals seit 1998 wieder die Armutsrate in der Welt. Unabhängig davon, bei welchem Geldbetrag, der Menschen täglich zum Überleben zur Verfügung steht, die Armutsdefinition gesetzt wird, bleibt eines klar: Knapp eine Milliarde Menschen sind täglich mit den Folgen absoluter Armut konfrontiert. Auf unterschiedliche Weise ist ihnen ein Leben in Würde versagt: Sie leiden ebenso unter Hunger, Unterernährung, begrenztem Zugang zu sauberem Wasser und medizinischer Versorgung wie unter den schlechten Bildungschancen, sozialer Diskriminierung und Ausgrenzung, der mangelnden Beteiligung an Entscheidungsprozessen und nicht zuletzt auch unter den Folgen des fortschreitenden Klimawandels.

Davon sind vor allem – aber nicht nur – die Menschen in Afrika, Asien und Lateinamerika betroffen. Auch in Deutschland, das im internationalen Vergleich sehr gut dasteht, gibt es Armut. Man muss nur genau hinschauen und bereit sein, aus sozialem Antrieb Konsequenzen für das eigene Handeln abzuleiten. Das hat auch der Gründer des Kolpingwerkes, Adolph Kolping, getan. In einer Zeit der beginnenden Industrialisierung hat Kolping die Nöte seiner Zeit wahrgenommen und seinen Beitrag geleistet, damit die vielen Handwerksgesellen, die damals in prekären Verhältnissen lebten, ein tatkräftiges und selbstbestimmtes Leben führen konnten. Dabei hat Adolph Kolping konsequent auf Bildung gesetzt. Die Sorge um Menschen in Armut gehört gewissermaßen zur DNA des katholischen Sozialverbands.

Der Verbandsgründer fordert uns auch heute noch dazu heraus, uns von den Nöten der Zeit zu verantwortlichem Leben und sozialen Handeln inspirieren zu lassen. Das tut das Kolpingwerk – in Deutschland und noch viel mehr in anderen Regionen der Einen Welt. Kolpingwerk Deutschland und Kolping International treten für die weltweite Verwirklichung gerechter und demokratischer Strukturen, für die Stärkung der Zivilgesellschaft sowie für die Sicherung der Menschenrechte ein. Wir sind davon überzeugt, dass vor allem durch gerechte Welthandels- und Finanzstrukturen die Kluft zwischen armen und reichen Völkern überwunden werden kann – insbesondere dann, wenn sich auch die Verantwortlichen vor Ort eher vom Wohlergehen Ihres Volkes als von persönlichen Interessen leiten lassen.

Das Kolpingwerk fördert das Bewusstsein und den Einsatz für die internationale Zusammenarbeit. Als Mitglied von TransFair (Fairtrade Deutschland) setzen wir uns für den Fairen Handel ein, damit Menschen weltweit für ihre Arbeit und für die Herstellung hochwertiger Produkte anständig entlohnt werden. Das jüngst vom Bundestag verabschiedete Lieferkettengesetz verpflichtet große Unternehmen ab 2023 dazu, bei ihren Zulieferern gegen die Ausbeutung von Menschen und Natur vorzugehen. Das Kolpingwerk begrüßt, dass das Gesetz damit auch einen Beitrag zur Bekämpfung von Armut entsprechend dem Ersten Nachhaltigkeitsziel der Vereinten Nationen leistet – auch wenn dies nur ein Anfang ist.

Kolping International arbeitet mit Menschen in und aus anderen Ländern ideell, personell und materiell zusammen. Unser Ansatz ist dabei, „Hilfe zur Selbsthilfe“ zu leisten. Dabei erachten wir die internationale Solidarität, die es zur Armutsbekämpfung braucht, nicht als Almosen der Reichen. Vielmehr haben wir die menschenrechtliche Pflicht, Menschen aus absoluter Armut nachhaltig zu befreien. Nicht paternalistisch, sondern auf Augenhöhe.

In der Entwicklungszusammenarbeit müssen die betroffenen Menschen vor Ort sagen, was sie brauchen. Sie kennen die Herausforderungen in ihren Ländern am besten, und sie sollen selbst entscheiden, wie sie die vorhandenen Ressourcen nachhaltig nutzen können und was sie zur Verbesserung der Lebensbedingungen benötigen. Die Entwicklungspartner aus den Industrienationen können hier nur Hilfestellung geben. In der Vergangenheit haben Entwicklungshilfeprojekte, die aus der Sichtweise der Industrienationen aufgebaut wurden, teils zu großen Abhängigkeiten geführt. Die Armut wurde damit oft nicht wirksam bekämpft.

Kolping setzt international auf Bildung und Nachhaltigkeit. Arme Menschen, die sich in Kolpingsfamilien zusammenschließen und die ihr Leben und auch das Leben der Menschen in ihrem Umfeld verbessern wollen, können an Bildungsangeboten der einzelnen Nationalverbände teilnehmen. Sehr gute Erfahrungen macht Kolping zum Beispiel in Ostafrika mit der Schulung der Menschen im ökologischen Landbau: Der Verzicht auf Pestizide, Insektizide und Kunstdünger hat sich als der richtige Weg bewährt. Kolpingexperten in den Ländern setzen auf die Herstellung hochwertiger Komposte und auf Artenvielfalt auf den Feldern. Die Erträge steigen deutlich, die Qualität der Böden verbessert sich, und die Menschen sind nicht mehr abhängig von Hilfsmitteln, die sie ansonsten teuer zukaufen müssten. Ein weiterer Ansatz ist die Saatgutvermehrung und die Förderung des Anbaus an den Klimawandel angepasster Kulturen.

Die Überwindung absoluter Armut, wie es das erste Nachhaltigkeitsziel fordert, ist heute nicht zu trennen von einer nachhaltigen Produktions- und Lebensweise. Schon jetzt sind die Ärmsten im Globalen Süden am stärksten von den Folgen des globalen Klimawandels betroffen. Von der Wüstenbildung, bis zur Vernichtung landwirtschaftlicher Nutzflächen oder Fischfanggebieten – der Entzug der natürlichen Lebensgrundlagen trifft die Menschen in Afrika, Asien und Lateinamerika in vielen Regionen bereits mit voller Wucht. Die notwendige sozial-ökologische Transformation muss auch von den energieintensiven Industrien vollzogen werden. Der Wandel weg von Kunststoffen auf Basis von fossilen Rohstoffen sowie von fossilen Energieträgern hin zur Verwendung umweltgerecht angebauter nachwachsender Rohstoffe, innovativer nachhaltiger Kunststoffe und zu erneuerbaren Energien ist sozialverträglich und mit viel Innovationskraft zu meistern. Hier kann die deutsche Industrie mit ihrer weltweit anerkannten Innovationskraft in der Forschung und Entwicklung sowie dem Know-how ihrer ausgewiesenen Fachkräfte wichtige Beiträge leisten, was gleichzeitig den Standort Deutschland stärkt und neue Arbeitsplätze schafft.

Es bleibt eine große Herausforderung, die Nachhaltigkeitsziele zu erreichen, auf die sich die Vereinten Nationen 2015 verständigt haben, und insbesondere sich dem Ziel zu nähern, Armut in allen ihren Formen und überall zu beenden. Für uns bleibt die Maxime unseres Handelns: Verantwortlich leben und sozial handeln! Immer und überall in der Einen Welt.­

Die Autorin

Ursula Groden-Kranich ist eine deutsche Politikerin, Bankkauffrau und Mitglied des Deutschen Bundestages. Seit der Bundestagswahl 2013 ist sie direkt gewählte Abgeordnete im Bundestagswahlkreis Mainz.

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