Nachhaltiger Konsum benötigt nachhaltige Produktionsstrukturen

Die Weltbevölkerung, vor allem in den entwickelten Industriegesellschaften, konsumiert mehr Ressourcen, als die Ökosysteme dauerhaft bereitstellen können. Damit die soziale und wirtschaftliche Entwicklung die Tragfähigkeit des Ökosystems nicht überschreitet, muss die Art und Weise, wie unsere Gesellschaft Güter produziert und konsumiert, grundlegend verändert werden.

Diese Debatte ist mindestens 50 Jahre alt. Bereits 1972 argumentierte der Club of Rome in seinem Bericht „Limits to growth“, dass eine katastrophale Entwicklung des Klimawandels nur durch geringeres wirtschaftliches Wachstum aufzuhalten sei. Seitdem ist die Debatte um Produktions- und Wohlstandswachstum einerseits und Konsumverzicht andererseits immer intensiver geworden. Klima- und wachstumskritische Bewegungen fordern häufig radikale Konsumveränderungen und -verzicht, um den ärmeren Ländern mehr Konsum zu ermöglichen, ohne die planetaren Grenzen zu überschreiten. Aus dieser Perspektive ist nachhaltiger Konsum ein Null-summenspiel: Des einen Gewinn ist des anderen Verlust.

Auf den ersten Blick mag ein fundamentales Spannungsverhältnis zwischen weniger Ressourcenverbrauch und dem Wirtschaftswachstum bestehen. Aber ist das tatsächlich so? Wird Nachhaltigkeit durch Verzicht und degrowth erreicht oder durch intensivierte Produktion und Produktentwicklung? Ermöglicht radikaler Verzicht einen nachhaltigen Verbrauch in den Entwicklungsregionen, sowie auch für zukünftige Generationen? Oder brauchen wir eine Beschleunigung der produktiven Kräfte, um insgesamt weniger Ressourcen verbrauchen zu können?

An diesem Spannungsverhältnis setzen die Sustainable Development Goals (SDG) der Vereinten Nationen an. In Nummer 12 der SDG, „Nachhaltige Konsum- und Produktionsmuster sicherstellen“, wurde das Ziel formuliert, die nachhaltige Bewirtschaftung und effiziente Nutzung der natürlichen Ressourcen bis 2030 zu erreichen. Vor allem die entwickelten Industriestaaten sind dazu aufgerufen, ihren Rohstoff-Fußabdruck zu reduzieren.

Was heißt das konkret? Ein paar Zahlen: Global gesehen verbraucht ein Mensch im Durchschnitt 58 Kilowattstunden (kWh) Primärenergie pro Tag. Auf einen Menschen in Indien entfallen 19, auf einen Menschen aus den OECD-Staaten dagegen 150 KWh pro Tag – fast achtmal so viel. Würden alle Menschen weltweit so viel wie die Hochenergiegesellschaften verbrauchen, bräuchten wir die Ressourcen von 2,8 Erden.

Einige Beispiele: Heute benötigen wir pro Jahr 1,87 Milliarden Tonnen Stahl, im Durchschnitt 242 Kilo pro Person und Jahr. Wir verbrauchen in einem Jahr so viel Zement wie in der gesamten ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, etwa zehn Milliarden Tonnen. Vom zentralen Chemie-Vorprodukt Ammoniak werden inzwischen 240 Millionen Tonnen jährlich synthetisiert.

Die drei Produktgruppen Stahl, Zement und Chemie gehören zur Grundstoffindustrie. Für ihre Herstellung sind hohe Verarbeitungstemperaturen und damit sehr energieintensive Produktionsprozesse notwendig. Allein die Stahlproduktion macht sieben Prozent des gesamten weltweiten Energieverbrauchs aus. Der Verbrauch der Zementindustrie liegt bei acht Prozent. Mit der aktuell verwendeten Technologie ist die Produktion dieser Grundstoffindustrien sehr emissionsintensiv.

Es ist verlockend, daraus den Schluss zu ziehen, dass wir in einer nachhaltigen, global gerechteren Zukunft weniger von diesen energie- und emissionsintensiven Gütern konsumieren müssen. Dieser Schluss ist naheliegend. Doch er ist nur bedingt richtig. Denn auch mit einem weniger ver-schwenderischen Lebensstil müssen bald zehn Milliarden Menschen leben, essen, reisen und sich waschen können. Ein alltägliches Leben ohne Produkte aus Stahl, Zement, Chemie, Kupfer, Glas, Papier, Kunststoffen und zahlreichen anderen Industriebranchen ist kaum denkbar.

Ein sorgfältigerer Umgang mit Produkten, Rohstoffen, Energie und unserem eigenen Konsum ist notwendig. Doch Veränderungen des Lebensstils haben häufig überraschend geringe Auswirkungen auf unsere Emissionen. Forschungsprojekte, beispielsweise „KLIB – Klimaneutral wohnen in Berlin“, haben gezeigt, dass ein Leben ohne die Produkte aus den Sektoren Strom, Heizung, Verkehr und Industrie extrem schwierig ist. Es ist Individuen nur bedingt möglich, ihre ökologischen Fußabdrücke durch Konsumverzicht zu reduzieren, solange die fundamentalen Produkte auf emissionsintensiven Technologien und Verfahren beruhen. Ein nachhaltiger Wohlstand, ein weniger verschwenderisches Verbrauchsmuster, ist somit nur mit höherer Energie- und Materialeffizienz in allen Produktions- und Verbrauchsstufen möglich. Die Intensivierung der Innovations- und Produktionsprozesse hin zu klimaneutralen und rohstoffschonenden Verfahren ist somit eine notwendige Voraussetzung für verantwortungsvolles, individuelles Handeln.

Um diesen Spagat zu realisieren, ist eine Vielzahl von politischen Maßnahmen notwendig. Ganz zentral ist es, die produktiven Kräfte von Unternehmen, Wissenschaft, Staat und Zivilgesellschaft zu bündeln und den Fokus auf die schnelle Entwicklung von emissionsmindernden und rohstoffschonenden Technologien zu richten. Es braucht neue Förderstrukturen, um Investitionen in emissionsarme Verfahren anzureizen, unter an-derem in Form von sogenannten Contracts for Difference. Energiesteuern und Strompreise müssen so umgestaltet werden, dass erneuerbarer Strom zur wichtigsten Energiequelle der Gesellschaft, Verkehr und Indust-rie werden kann. Durch Quoten können Märkte für nachhaltige Produkte geschaffen werden. Neben einem verlässlichen Carbon-Leakage-Schutz brauchen wir stärkere Maßnahmen, um Entwicklungsländer in ihrem wissenschaftlichen und technologischen Übergang zu nachhaltigeren Konsum- und Produktionsmustern zu unterstützen. Und die Kosten der Transformation müssen gerecht verteilt werden, um den nachhaltigen Konsum und nachhaltigen Wohlstand für alle zu ermöglichen.

Das Spannungsverhältnis von Nachhaltigkeit und Ressourcenschonung auf der einen und Wirtschaftswachstum auf der anderen Seite löst sich somit ein Stück weit auf, sofern erfolgreich die technologischen und finanziellen Grundlagen für die Klimaneutralität im Industriesektor gelegt werden. Das bedeutet auch: Die Nachhaltigkeit von Konsum und Produktion ist am Ende des Tages nur begrenzt eine Frage des individuellen Willens. Vielmehr ist sie eine kollektive, gesamtgesellschaftliche Herausforderung – eine Herausforderung des Staates und auch der Demokratie.

Die Autorin

Kajsa Borgnäs ist seit 2017 Geschäftsführerin der Stiftung Arbeit und Umwelt der IG BCE. Sie ist Mitglied des Aufsichtsrates der Essity GmbH und der Executive der IndustriAll Europe. 

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Über diesen Blog

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